Big Ben…

Big Ben…

eingetragen in: Borderline Akzente, Telenovela | 0

Die Tragweite meiner Nachlässigkeit des Sonntags wurde mir leider kurz darauf vor Augen geführt: Ben meldete sich nun beinahe stündlich um zu wissen, wie es mir ginge, mich auf dem Laufenden zu halten, was seinen Tag anging und hing mir in den Ohren damit, wann wir uns das nächste Mal treffen würden…

Da leider mein Zustand noch nicht besser war, war da auch wieder mein treuer Begleiter, der mir zuflüsterte „Was du dir eingebrockt hast, musst du nun auslöffeln. Du hast ihn an dich ran gelassen und wenn du nun nicht als die Nutte schlecht hin dastehen willst, hast du ihn nun ernsthaft zu daten!“ Die Stimme konnte manchmal sehr gebieterisch sein – wohl eine Ausgeburt des Umgangstones, den meine Eltern mit mir hatten.

Kurz nach seiner ersten Anfrage auf ein weiteres Treffen knickte ich ein, liess mich darauf ein, ihn noch einmal zu treffen; diesmal in einem Edelrestaurant, in das er mich einladen wollte. Mir wurde äusserst mulmig zu Mute, denn für mich klang das danach, dass er mich bezahlte, um nachher auch gewisse Dienste von mir zu erhalten. Dennoch, ich hatte keine Wahl, ich musste dieses Treffen wahr nehmen.

Während ich noch so vor mich hin überlegte, was ich denn tun sollte, holte mich der Gedanke an den Typen wieder ein, der mir ein so enger Freund geworden ist, in so kurzer Zeit, und den ich von mir gestossen habe, Etienne. Gibt es denn Möglichkeiten, wie ich das alles irgendwie doch eingehen könnte? Kann ich mich soweit verbiegen, dass es möglich wäre, dem Mann mit seinen durchaus schwierigen Umständen gerecht zu werden? (Für euch mögen die Umstände, die ich skizzierte, nicht wirklich kompliziert wirken, aber da gab es Dinge, die sehr viel tiefer griffen und die ich hier nicht ausführen möchte, die aber die Situation total kompliziert, wenn nicht unmöglich werden liessen). Der Kontakt zu ihm, wenn auch auf eingeschränkte Weise, hat sich nie komplett eingestellt. Ich fing an, mit ihm zu verhandeln, abzuklären, wie absolut seine Ansichten waren… Vielleicht lassen sich ja Lösungen finden, indem er von einigen seiner Vorstellungen zurück tritt genauso wie ich von meinen zurück trete? Ich mag Kinder nicht sonderlich, ich habe es aber geschafft, für meinen Bruder einen Mutterersatz zu sein, in der Zeit, als meine Mutter die Rolle nicht wahrnehmen konnte. Konnte ich dasselbe vielleicht auch für einen fremden Jungen? Wollte ich das Risiko eingehen, verletzt zu werden, da er mich nicht mögen würde, mich verabscheute oder gar hasste? Könnte ich mir vorstellen, Teil dieser Familie zu werden…? Vielleicht wäre das nicht einmal so schlecht – meine Erlebnisse zu Hause waren vieles, aber Toleranz lebte mir dort niemand vor. Vielleicht würde es mir ja helfen, selbst zu heilen, wenn ich in einer Atmosphäre aus Toleranz und Akzeptanz lebte?  „Oh nun bitte, als ob sowas realistisch wäre! Du wirst mich nicht einfach los indem du an einen anderen Ort ziehst, vergiss es!“ Nun gut, ich sehe ja ein, das ist nicht die optimale Idee… aber vielleicht ginge es ja auch anders… Diskussionen mit Etienne ergaben allerdings leider nichts wirklich sinnvolles. Jedes Mal aufs Neue war ich frustriert, enttäuscht und verletzt, dass jemand, der mir erst einmal so viel Hoffnung machte, mich so berührte und mich unglaublich, beinahe übernatürlich gut verstand, mich einfach fallen liess. Von seiner Seite aus kam immer nur die Aussage, dass er nichts an seiner Situation ändern könne, dass es nunmal einfach dabei bleibe, es ihn aber unglaublich traurig stimme, nun den Kontakt zu mir zu verlieren, denn er habe mich sehr lieb gewonnen. „Verdammter Blödsinn! Genau, er hat dich lieb gewonnen…! Natüüürlich, ach das ist ja echt zuckersüss! Zum einen, wie soll man dich bitteschön lieb haben können? Du bist nichts Spezielles, an dir ist nichts, was man mögen könnte also bilde dir da nichts darauf ein! Zum Anderen: der spielt doch bloss mit dir! Wie kannst du nur schon auf die törrichte Idee kommen, er könnte etwas Ernsthaftes haben wollen von dir? Der sieht dich bloss als leichte Beute, die lustig zu beobachten ist, wenn sie leidet und an deren Leiden er sich bestimmt auch noch aufgeilt – genau wie Martin damals!“ Jedes Mal, wenn sich diese Stimme zu Wort meldete, hatte ich nichts, was ich entgegen setzen konnte. Ich fühlte mich absolut machtlos, hatte jeden Selbstwert verloren und wusste nicht mehr, wer ich bin. Wäre es eine echte Konversation zwischen zwei Menschen gewesen, ich hätte nun den Kopf gesenkt, klein bei geben und wäre reumütig davon getrottet.

Frustriert machte ich mich erst recht wieder daran, mit Ben den Kontakt zu halten… Ich hatte ihn ja geküsst und somit den Bund besiegelt, dass er machen durfte, was er wollte, denn ich gehörte nun ihm. (So fühlte es sich jedenfalls an, nach der Standpauke meiner inneren Stimme) Das Treffen kam näher und ich brezelte mich (auf seinen Wunsch hin) auf, und achtete auch darauf, was ich unter meinem kleinen Schwarzen trug. Besser schon mal vorbereitet sein, denn es reichte, dass mir die Situation allgemein unangenehm sein würde, es musste nicht auch noch sein, dass ich dann in den Erdboden versinken wollte wegen meinem Omaschlüpfer, der Shaping-Strumpfhose und dem Ich-Hinterlasse-Keine-Abdrücke-BH… Manch einer schüttelt nun vermutlich bereits den Kopf darüber, dass ich mit einer derart resignierten und berechnenden Haltung an ein Date ging mit einem Mann, den ich eigentlich gar nicht wollte und dessen Berührungen mir unwohl waren.

Top gestylt trat ich ihm an diesem lauen Abend gegenüber und war erleichtert, dass er mit seinem Anzug ebenfalls sehr herausgeputzt aussah, denn so sehr ich mich gerne schick mache, ist es mir unangenehm, wenn mein Gegenüber dann irgendwie nicht auch herausgeputzt ist, oder wenn ich dann feststellen muss, dass ich für den Ort, wo wir hingehen, völlig falsch gekleidet bin und versnobbt wirke. (Da würde ich dann am liebsten auf dem Absatz Kehrt machen und weit weg laufen).

Ich glaube, ich war noch nie so froh um die Distanz eines Tisches zwischen mir und meinem Gegenüber, wie bei diesem Essen; merkte aber bald, dass diese Sicherheit ja nur solange anhielt, wie wir im Restaurant sassen. Ich erfuhr nun viel von ihm und seinem Leben, das leider nicht ganz einfach war wie ich feststellen musste. Ein Mann, der in Scheidung war, eine ganz kleine Tochter hatte und von seiner Ex schamlos ausgeblutet wurde; Telefonterror, Anklagen für Fussel, die von Links nach Rechts ihren Weg kreuzten und bestimmt ein Attentat seinerseits waren… das wünschte ich niemandem. Dies hätte ja beinahe mein Mitleid erregt, was oft genug Anreiz ist für mich, auch ohne Gefühle für den Mann eine Beziehung einzugehen… wäre da nicht die unschöne Eigenschaft gewesen, dass er mit all seinen Statussymbolen prahlen musste: er hätte ein echt unglaublich gutes Gehalt, er würde nächste Woche endlich seinen neuen BMW kriegen, nachdem seiner ja nun schon 2 Jahre alt sei, was ja wirklich nicht mehr präsentabel sei, er habe eine Eigentumswohnung… Naja eigentlich fehlte mir da schon noch die Luxusjacht auf dem Zürichsee und der Privatjet. 😉

Nichts desto trotz, nach dem Essen kam alles genau wie erwartet. Ich machte den Fehler, einen Blick auf die Rechnung zu erhaschen und sofort beschlich mich das Pflichtgefühl, ihm nun eine Gegenleistung schuldig zu sein… Ich liess mich somit darauf ein, mich bei ihm zu treffen um den Rest des Abends dort zu verbringen, was nach einer sehr kurz gehaltenen Tour durch seine Wohnung (hier ist das Wohnzimmer, die Küche, das Bad und ja, da ist mein Schlafzimmer…) prompt auch da endete: im Schlafzimmer. Charmanter Weise erhielt ich wenigstens noch ein Glas Wasser ans Bett. Mir war beinahe schon übel, beim Gedanke daran, was nun unweigerlich folgen würde. Ich wäre eigentlich am liebsten weg gerannt, aber ein Teil von mir war nun doch neugierig, ob alles vielleicht nur halb so schlimm werden würde… Und so oder so, ich konnte mich da nicht mehr heraus ziehen: Die herrische Stimme in mir war zu dominant.

Wenn für mich eine Situation unerträglich ist oder ich zu sehr Angst habe, entferne ich mich aus meinem Körper, dissoziiere. Ich agiere in dem Moment in einer Art automatischem Betrieb – emotionslos, kühl und berechnend. So auch an diesem Abend. Auf Details will ich gar nicht eingehen, und kann ich zum Teil auch nicht so genau – ich war einmal mehr damit beschäftigt, meine Zähne zusammen zu lassen, damit seine Zunge nicht zuuu weit in meinen Mund kam, war fasziniert von der grossen Klappe mancher Männer wenn es um die Verwöhnung von Frauen geht und das eigentliche Resultat das darauf folgt, fand es lächerlich, wie einfach er zu durchschauen war und wie schnell ich erreichte, was ich musste, um mich zu fühlen, als hätte ich meine Schulden bezahlt. Ab dem Moment allerdings, wo dieser Modus ins Spiel kommt, kann eine ernsthafte Beziehung beinahe nicht mehr eingegangen werden, denn nun verachte ich mein Gegenüber, halte es für lächerlich und mir nicht würdig (Woher auch immer diese Überheblichkeit kommt, denn eigentlich bin ich sonst alles andere als überheblich…). Verrichteter Dinge wurde ich dann aber auch mehr oder weniger unsanft darum gebeten meine Sachen zusammen zu suchen und zu gehen, denn er musste ja arbeiten am nächsten Tag und da war ich nicht länger seiner Zeit würdig, jetzt da er ja bekommen hatte, was er wollte.

Erst auf dem Weg zurück zum Auto kam ich langsam wieder zu mir, konnte meinen Raum wieder einnehmen und da überkam mich dann auch erwartungsgemäss eine Welle von Ekel, Abscheu und Selbsthass dafür, was ich gerade getan habe. Passender Weise fing es zu nieseln an, als ich mich ins Auto setzte und so sass ich eine Ewigkeit da und beobachtete, wie der Nieselregen sich langsam auf meiner Windschutzscheibe niederliess, einen beinahe gleichmässigen Wasserfilm darauf verteilte und sich dort, wo mehrere Tropfen sich verbanden, dünne Rinnsale nach unten wanden. Ich fühlte mich leer, schlecht, schmutzig, ekelte mich ab mir selbst, verachtete mich und kämpfte dagegen an, mir meine Nägel in die Haut zu rammen, bis ich blutete… Ein Muster von früher, von dem ich eigentlich bis zu dem Tage glaubte, es hinter mir gelassen zu haben. Es kostete mich fast all meine Konzentration, mich davor zu bewahren, dieses Muster wieder aufzunehmen. Als die Stimmung sich langsam legte, die grossen Wogen sich glätteten und ich wieder ruhig atmen konnte, schwor ich mir, nie wieder sowas zu tun, ganz egal, wie verpflichtet ich mich fühlen würde.

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