Hollywoodromanze

Hollywoodromanze

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Aufstehen am Montag Morgen war nicht ganz einfach: Erst da wurde mir bewusst, was ich da eigentlich angezettelt hatte. Ich habe mich „prostituiert“ und das obschon ich eigentlich doch meine Wahl eines neuen Partners vorher schon getroffen hatte. Warum habe ich also sowas überhaupt in Erwägung gezogen? Wie würde Etienne reagieren, wenn er wüsste, was ich gerade getan hatte? Ich wurde rot, nur schon beim Gedanken daran.

Auch der Blick aufs Handy war ambivalent: unbändige Freude erfüllte mich, über die Nachrichten von Etienne, der mir einen guten Start in die Woche wünschte und meinte, dass er mich vermissen würde. Herzklopfen, Freude, ein nicht mehr vom Gesicht zu kriegendes Grinsen, unzählige Versuche, in Worte zu fassen, was ich fühlte, und letzen Endes dann die simple Entgegnung ganz vieler Kuss-Emojis ^^ Ein Treffen wurde vereinbart für den Donnerstag – ein ganzer Nachmittag mit ihm – ich war auf Wolke 7 und begann sofort zu planen, was wir tun könnten, wohin wir gehen könnten…

Bis ich dann sah, dass auch Ben mir schrieb. Er würde mich wieder sehen wollen, am liebsten noch heute Abend. Er hätte Lust… und dankte mir für den tollen Abend. Mich beschlich ein Würgereiz, nur schon bei der Vorstellung, Ben noch einmal zu treffen. Wie könnte ich ihn also los werden, ohne seine Gefühle zu verletzen? Denn auch wenn ich ihn schrecklich fand, der Abend mit ihm eine Katastrophe sonder Gleichen war, ich wollte ihn dennoch nicht verletzen. Ach welch ein Desaster. Angewidert von der Idee, ihn zu treffen, hätte ich ja am liebsten geantwortet: „Sorry, du bringst es einfach nicht“ oder „Wer glaubst du zu sein? Ich will dich nicht mehr treffen, denn du widerst mich an“. Natürlich wäre das krass, gemein und absolut nicht fair, denn ich habe ihm ja auch nie gezeigt, wie ich fühlte. Also versuchte ich es in den nächsten Tagen auf die freundliche Tour: Ich mag ihn nicht mehr treffen, weil ich glaube, dass es nicht gut kommen würde zwischen uns. Meiner Meinung nach ganz diplomatisch, aber anscheinend etwas zu diplomatisch, denn ich kam aus der Verhandlung mit ihm nicht mehr heraus: immer wieder kamen Nachrichten, wie er mich vermisse und, dass er alles sein würde für mich, wenn ich ihm die Chance gäbe. Da fiel mir auf, wie kaputt das auf mich wirkte, wenn jemand so sehr sich selbst in den Hintergrund stellte und für mich versuchte das zu sein, was ich brauchte. Es war, als hätte man mir den Spiegel vorgehalten und ich schwor mir, das selbst nicht mehr zu machen. Ben liess erst Wochen später ab, als ich all meinen Mut zusammen nahm und offen gestanden einfach langsam so enorm entnervt war, dass ich ihm, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, direkt ins Gesicht sagte, dass er der mit Abstand schlechteste Küsser war, den ich je erlebt hatte, dass er sich bitte mal in weiblicher Biologie weiterbilden sollte und dass ich ihn für unsensibel und egozentrisch halte. Es tat mir leid, im Moment als ich es schrieb, aber ich wusste nicht mehr, wie ich mir helfen sollte.

Ein ganz anderes Kapitel war Etienne. Es begann eine Zeit, in der ich mich einfach fühlte, wie in einer Hollywood-Romanze (wie sehr diese Analogie später noch zutreffen würde, ahnte ich nicht). Liebesbeweise von ihm, von mir, Schmetterlinge im Bauch, Ausflüge an Orte, die für ihn Geschichtsträchtig waren, gemeinsames Kuscheln und unendlich schöne Stunden. Auch wenn es leider immer sehr kurze Treffen waren mit ihm und auch wenn wir uns selten sahen, es war so unglaublich schön, jedes Mal wenn wir uns trafen. Die Umstände konnten noch so widrig sein, wir sahen uns trotzdem und genossen jede Sekunde zusammen.

Leider drohte meine Seifenblase zu platzen, an einem Abend, an dem irgendwie eh gerade alles nicht so wollte wie ich. Seinen Anfang nahm alles dadurch, dass ich eine Ewigkeit im Stau stand und auch die Ausweichruten alle total überlastet waren. Ein Unfall war der Grund für den Rückstau auf der Autobahn, Verkehrsüberlastung und Auffahrunfälle verursachten Stau auf den Umfahrungen. So dass ich für einen Weg, der eigentlich etwas über eine Stunde dauern sollte, satte zwei Stunden brauchte. Nervlich war ich da schon total fertig, denn ich wusste, dass die Zeit tickte, dass ich Etienne nur kurz sehen würde, und je später ich ankam, desto weniger Zeit würden wir haben. So kam ich also schon völlig entnervt an und brauchte erst einmal eine Ewigkeit, bis ich überhaupt wieder geniessen konnte. Wir assen also erst einmal etwas in einem Italiener, was unglaublich gemütlich war. Er erzählte mir viel von seinen letzten Tagen, was er erlebte, und ich erzählte ihm von mir, und merkte, wie mit jedem Bissen von meiner Pasta und jedem Wort, das wir wechselten, meine Stimmung immer besser wurde. Gesättigt suchten wir uns dann einen schönen Ort, um den Rest des Abends zu geniessen und fanden gerade einen See auf, an den wir uns setzen wollten, als ein Anruf alles änderte. Private Gründe brachten ihn dazu, unser Date abbrechen zu müssen und ich sah mich gezwungen, mit ihm zurück zu fahren, ihn die Probleme zuhause lösen zu lassen und wartete, bis er wieder kam. In dem Moment kam ich mir so unglaublich ausgenutzt vor. So als wäre ich irgendwie ein Gegenstand, den man zur Seite stellen konnte, sobald es einem gerade nicht passt nur um ihn wieder hervor zu holen, wenn es die Umstände wieder zuliessen. Es war ein tränenreicher Abend, als ich in meinem Auto sass, auf einem Parkplatz, einige Meter entfernt von seiner Wohnung (da man mich nicht sehen durfte). Ich sass hinter dem Steuer, und ich konnte nichts tun, gegen die herabrollenden Tränen, gegen das Gefühl, benutzt und ausgespuckt worden zu sein. Zurück von seinem Exkurs zuhause, verstand er erst einmal die Welt nicht mehr, als er mich so vorfand, denn ihm war wohl nicht bewusst, was das in mir ausgelösst hatte. Zugegeben, ich bin sicher sensibler, was Zurückweisung anbelangt als andere, und an dem Abend wohl immer noch etwas aufgewühlt gewesen durch den schlechten Start unseres Dates, aber es ist ein echt fieses Gefühl, die Affäre von jemandem zu sein, oder zumindest so agieren zu müssen.

Jeder intelligente Mensch hätte hier den Schlussstrich gezogen, aber ich konnte nicht. Er bedeutete mir einfach so unendlich viel. Er verstand mich (abgesehen von Situationen, die seine Umstände betrafen) wie niemand anderes, und das nach enorm kurzer Zeit. Es war für mich einfach so schön, wie er Rücksicht nahm auf mich, mich mit so viel Wertschätzung behandelte, Verständnis hatte für meine Krisen. Und so war es auch an dem Abend. Er nahm mich in den Arm, tröstete mich, hielt mich fest, gab mir Halt, schwor mir, in Zukunft dafür zu sorgen, dass er jemanden hätte, der auf seinen Sohn aufpassen würde, während wir uns träfen und dass er schaue, dass ich mich bald nicht mehr verstecken müsse. Er war selbst den Tränen nahe, weil es ihn fertig machte, wie sehr mich die Aktion gerade getroffen hatte. Und so sehr ich total aufgelösst war, genau darum, weil er so reagierte, war er mir so unendlich wichtig. So verlief auch der Rest dieses Abends wieder enorm romantisch, beinahe kitschig: viel Küssen, Nähe, Kuscheln, Liebesgeflüster und Vertrautheit.

Die Zeit, unser konstanter Feind, raste gnadenlos im Eiltempo an uns vorbei, und bald musste er los. Zurück blieb aber das Gefühl, dass wir es schafften, dass ich geliebt war, wertgeschätzt und ernstgenommen. So sehr es weh tat, wie seine Umstände waren, ich sah wieder optimistisch in die Zukunft und fuhr mit einem Lächeln auf den Lippen nachhause.

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