Am Limit

Am Limit

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Tja da kommt man doch am Dienstag wieder in der Schweiz an, ist eigentlich total happy, wieder etwas frischere, weniger versmogte Luft zu schnuppern und wird sogar noch von nem guten Freund abgeholt. Das klingt wie der Start in einen Tag, der nun sehr viel besser wird.

Ich bringe dann allerdings in Erfahrung, dass in der Zeit, als ich weg war, die Vorrichtung umgekippt ist, auf der all meine Shampoos und Duschgels gestanden haben (erm, *hust* also, ich meine, das eine Shampoo und das eine Duschgel, das sich überhaupt in meinem Besitz befindet – weil mehr habe ich natürlich nicht). Jedenfalls muss es eine richtig üble Brühe gewesen sein in meinem Bad, die mein Kumpel dann sogar ganz lieber Weise weg gewischt hat, so gut es geht, aber es war mir sehr peinlich, dass er das überhaupt tun musste. Was fällt diesem blöden Ding denn eigentlich ein, umzukippen?? (Würden wir in den USA leben, würde ich mich nun ja beinahe dazu überreden lassen, den Hersteller zu verklagen, weil die Duschstange nicht hielt was sie versprach und es hätte lebensgefährlich sein können (meine Katzen hätten das Shampoo ja aufläppeln können, nicht auszudenken, was da passiert wäre) aber gut, wir sind hier ja nicht USA-aner, sondern Schweizer, also bleibt mir bloss, das ganze noch sauber auf zu wischen sobald ich zuhause bin)

Erste Priorität hatte allerdings, als ich zuhause war, natürlich mein Handy. Ich konnte mir echt nicht vorstellen, dass es nicht mehr auffindbar sein sollte. So wurde nochmals alles durchforstet: Eingangsbereich, wo es eigentlich sein müsste, da ich es dort zuletzt nutzte, Treppenhaus, sämtliche Schränke wurden verrückt um zu schauen, ob es drunter liegt, Taschen komplett ausleeren und schauen, ob es da rein fiel? Ich drehte durch, als ich bis zum Schluss immer noch ohne mein Handy da stand und gefühlt wirklich die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt hatte. Ideen wurden erfunden: vielleicht lag es draussen? Vielleicht bei meiner Nachbarin? Im Auto? … Wie man so ist, werden die Ideen immer abgedrehter, je länger man sucht. So wurde zuletzt sogar der Müllbeutel nochmals aus dem Sammelbehälter vor der Wohnung geborgen um diesen zu untersuchen, und alle Jacken, Schubladen ect. durchsucht. Aber das dumme Ding wollte einfach nicht gefunden werden.

Den Rest des Abends verbrachte ich dann also damit, zum einen zu waschen und das Bad zu putzen und zum Anderen, die Papiere zu finden, die ich brauche um die Handynummer zu sperren, eine Anzeige bei der Polizei zu machen (wer hätte gedacht, dass man da ca 5 Nummern und Datenangaben über das Handy braucht abgesehen von den Klassikern wie Rufnummer oder Handymodell). Morgens um halb 3 habe ich es dann endlich geschafft, dass der Boden im Bad nicht mehr glitschig war (hey, das Positive ist ja, dass mein Boden bestimmt noch nie so sauber war wie da gerade), meine Wäsche gewaschen und getrocknet und die Anzeige aufgegeben war. Ein Glück, hatte ich während des Fluges 5 Stunden schlafen können, denn ich war eigentlich seit 11Uhr Abends vom Vortag wach. So habe ich dann nicht mehr viel gebraucht um halb tot ins Bett zu fallen. Langsam, muss ich echt gestehen, finde ich die ganze Sache ja beinahe schon erheiternd statt nervtötend, denn irgendwie passiert mir gerade so viel Müll wie schon länger nicht mehr.

Ich wurde ja auch noch von meinem Vater beschumpfen, da ich eine Tür zugeknallt habe. Da war ich ganz offensichtlich mal wieder eine Schande für ihn und kriegte die ganze Breitseite ab. Ja, sicher, ich fliege oft mit meinem Vater, ja ich weiss auch, dass Piloten bei langen Flügen, bei denen sie zu dritt sind, pflegen, in einer Rotation je 3 Stunden zu schlafen. Aber was ich nicht wusste, war wo die schlafen. Und was ich auch nicht wusste, ist dass man die Tür zum Cockpit geräuschlos schliessen konnte. Ich dachte, die würde nur zu sein, wenn man sie mit etwas Wucht schloss. So kam es also, dass ich auf dem Weg ins Cockpit, um meinen Vater zu besuchen, die Tür hinter mir lauthals schloss und mein Vater mich kurz und klein hackte, sodass ich mich ganz klein und verletzlich fühlte. Anscheinend schlafen Piloten direkt hinter dem Cockpit und wenn da die Tür zuknallt, stehen diese im Bett vor Schock. Ich erschrak total, denn ich war mir ursprünglich echt keiner Schuld bewusst und habe nach bestem Wissen gehandelt. Aus lauter Scham, etwas falsch gemacht, meinen Vater verärgert zu haben und eine Schande für ihn zu sein, habe ich kein Wort mehr heraus gekriegt und wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen. Für ihn war das ganze schnell gegessen und das Leben ging weiter. Mich belastet dieses Ereignis allerdings nach wie vor enorm. Ich muss schwer dagegen ankämpfen, nun nicht zu glauben, dass mein Vater mich hasst. Es fällt mir schwer, diesen Moment zu vergessen und mir fallen im Nach hinein so viele Konter ein, oder Antworten, die ihm aufzeigen würden, warum ich dazu kam, die Tür unsorgfältig zu schliessen.

Naja, jedenfalls versuchte ich danach, meinem Vater so gut es ging aus dem Weg zu gehen, da ich einfach nicht erleben wollte, wie böse er mir noch war. Jedoch habe ich vergessen, dass ich noch seinen Stadtführer von Shanghai bei mir liegen hatte und eine Metrokarte. Also führte nichts umhin, ihn nochmals aufzusuchen und die Sachen vorbei zu bringen. Es war mir echt mulmig zu Mute, nicht zuletzt auch darum, weil ich von seiner Frau mit den Worten „Er ist im Keller und regt sich auf über die Technik, die mal wieder nicht läuft“ empfangen wurde. Wenn mein Vater sich aufregt, dann laut, intensiv und wild um sich schlagend (zwar nicht physisch, aber mit Worten: der Erst, der dann zu gegen ist, kriegt alles ab). Dennoch, ich musste das dumme Zeug ja los werden. Also nahm ich allen Mut zusammen und suchte ihn auf. Erstaunt stellte ich fest, dass er mich anlächelte, froh zu sein schien, mich zu sehen, und mich im Verlaufe der nächsten halben Stunde sogar mal noch umarmte (was ganz selten vorkommt bei mir in der Familie). Er war wie ausgetauscht. Und ich war froh, musste ich vorbei um die Sachen zu bringen, denn so wurde das Feindbild Vater wieder relativiert. Nichts desto trotz finde ich, er hätte anders reagieren können. Aber das alles nur so am Rande.

Ich lag nun also halb tot im Bett am Mittwoch morgen früh, konnte aber nicht umhin, noch kurz zu warten, bis mein Partner wach war, denn er musste fast zu der Zeit aufstehen, wie ich endlich im Bett lag. Ich vermisste ihn wirklich schmerzlichst und somit war für mich klar, dass ich, trotz enormer Müdigkeit, die paar Minuten noch abwarten würde, in der Hoffnung, so mal wieder ein paar Worte mit ihm zu wechseln (wenigstens per Chat).

So sehr ich zur Zeit wirklich alles versuche, positiv in die Zukunft zu schauen, Lösungen zu suchen und konstruktiv zu sein, ich bin langsam echt mit den Kräften am Ende. Das Wochenende mit den vielen Desastern und der Fact, dass ich ihn das letzte Mal vor fast 3 Wochen sah, zehrten einfach doch mehr an mir als ich mir eingestehen wollte. Ich freue mich zwar, ihn bald mal wieder zu sehen, aber es frisst mich zur Zeit auf, zu wissen, dass dieser Zustand so schnell nicht anders würde und  ich noch lange so weiter machen muss. Den Gedanken habe ich mir eigentlich verboten, aber in Zeiten wo ich so müde und nervlich am Ende bin wie damals, konnte ich mich nicht mehr dazu bringen, diesen Fact zu ignorieren. Ein ganzes, verflixtes Jahr wird dieser Zustand vermutlich noch dauern. Mit ganz viel Glück und einem riesigen Wunder vielleicht weniger lange. 12 Monate, 365 Tage, ich will nicht ausrechnen, wie viele Stunden es noch sein werden, bis sich dieser Zustand ändert.

Da passiert es dann auch, dass ich mich frage, warum ich das alles tue. Ob ich eigentlich sicher sein kann, dass ich ihm vertrauen kann, dass seine Geschichte stimmt, ob ich meine Zeit womöglich mit jemandem verbringe, der mich bloss als Affäre sieht und bei dem der Witz:

„Schatz, wir sind nun 10 Jahre zusammen, da wollte ich dich fragen, ob…“

„Oh mein Gott, ja ich will!“

„…du meine Frau kennenlernen willst..?“

vielleicht bittere Realität sein würde…?

Er schrieb mit mir dann einige Sätze lang, als er aufstand und viele meiner Zweifel minimierten sich somit wieder. Ganz weg gingen sie allerdings leider nicht, denn als ich den Rest des Tages nichts mehr von ihm hörte, war die Verzweiflung wieder gross, das Misstrauen riesig und die Angst, dass ich durch ihn in ein Lügenkonstrukt eingesponnen wurde, beinahe unüberwindbar.

Ich werde ihn bald wieder sehen, aber ein bitteres Gefühl bleibt, dass ich mit mir spielen lasse, ohne es mit zu kriegen. Ich hoffe, dass auch hier das Prinzip von „Glück im Unglück“ zutreffen wird, das mich ja zur Zeit zu verfolgen scheint.

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