Es war ein Tag, wie jeder andere auch. Ich stand auf, machte mich bereit zur Arbeit zu fahren. Da ich ein Morgenmensch bin, fällt mir dies normal echt nicht schwer, auch wenn es 5Uhr früh ist. Ja, das ist eines der Laster, wenn man als Lehrerin arbeitet: man soll ja einigermassen gepflegt aussehen, vorbereitet sein auf den Unterricht und vor den SchülerInnen im Schulhaus sein. Wenn der Unterricht also um 7:30 anfängt, so war ich immer um 7 in der Schule. Vorher noch etwas essen und duschen… also sehr früh raus.

Es hat mich nie gestört, denn eigentlich hat der frühe Morgen auch seine schönen Seiten: niemand sonst ist wach, es ist unglaublich ruhig, die Strassen sind leer und es ist oft auch die Zeit in der es langsam hell wird und man also jeden Morgen Zeuge des Sonnenaufganges ist. Dies führt manchmal dazu, dass ich fast schon wünschte, die Zeit zu haben, rechts ran zu fahren und Fotos zu machen. Ich traute mich aber nie: wer würde sich denn schon dafür interessieren? Ich bin ja ein Niemand. Und zudem: was würden denn die anderen Lehrer denken, wenn ich später komme und als Grund angebe, ich hätte leider Fotos machen müssen? Jap, richtig, vermutlich wäre die Begründung nicht sehr logisch und sinnvoll. Dennoch denke ich, die hätten mich nicht misachtet dafür und vermutlich nicht einmal beachtet, dass ich später als normal ankommen würde (ich könnte ja auch im Stau gestanden haben)… Aber der Gedanke, dass die Menschen schlecht von mir denken könnten hat mich davon abgehalten, auch nur in Erwägung zu ziehen, einmal einen Sonnenaufgang ausgiebig zu geniessen.

Statt dessen fuhr ich also zur Schule, ordnete mein Material (ich habe immer tonnenweise Material gehabt, und musste jeden Tag x-mal die Zimmer wechseln, also war Planung gefragt), und zum Schluss setzte ich mich in unser Lehrerzimmer.

Es herrschte eine bedrückende Stimmung. Unser Schulleiter, der von allen gemocht wurde, wurde entlassen. Statt dessen wurde über unseren Kopf hinweg ein neuer Schulleiter eingestellt, der uns nicht sehr sympathisch war. Es wurden sogar Anwälte eingeschaltet, da die Situation immer verfahrener wurde.

Für mich war es nie recht klar, wie ich mich positionieren sollte, da ich ja erst ein halbes Jahr da war und keine Ahnung hatte, was einen guten Schulleiter ausmacht oder was ich zu befürchten hätte von jemandem, der sein Amt nicht recht ausüben kann. Ich wusste aber, dass ich mit meinen Lehrerkollegen noch eine Weile zu tun haben werde, was mich dazu brachte, mich für sie und gegen die Verwaltung/Schulleitung zu stellen. Es war aber nie befriedigend – auf keine Seite. Ich hatte das Gefühl, ich könne es einfach niemandem recht machen, vor allen dingen nicht mir selbst.

Ich sass also in diesem Lehrerzimmer und versuchte, irgendwie die Stimmung etwas zu heben. Erhlichgesagt nicht ganz uneigennützig: ich hielt diese Stimmung einfach nicht aus. Es wurde ganz kurz gelacht und das Thema, das sonst unsere Gespräche dominierte, geriet für kurze Zeit in den Hintergrund. Schnell kam es aber wieder – wie ein Sog, der einfach da war und von dem man sich zwar mit aller Kraft für sehr kurze Zeit entfernen kann, der einen aber sofort wieder einholt. Zum glück kam dann der Moment, wo jeder in sein Schulzimmer ging – der „Kampf“ begann also auf ein Neues.

Versteht mich nicht falsch: ich habe meine SchülerInnen immer geliebt. Einige sah ich halt nur sehr selten und ich war auch oft frustriert, weil ich einzelne einfach nicht erreichen konnte mit meinem Unterricht, aber grundsätzlich habe ich es geliebt, mit den SchülerInnen Unterricht zu halten, wäre da nicht dieser ständige Begleiter, fast schon mein bester Freund – ausser dass er halt alles ausser ein guter Freund war. Ich stand vor der Klasse, alle sassen sie wie tote Fliegen in den Bänken. Einige kribbelten gelangweilt auf ihren Notizblöcken herum. Und da war mein Freund und flüsterte mir zu: „Siehst du, sie finden dich langweilig! Du bist nicht mal genug wert, als dass sie dir auch nur einen Blick schenken.“ Ich ignorierte die Stimme und konzentrierte mich darauf, die Aufmerksamkeit aller zu gewinnen, was mir meist auch gelang.

Der Unterricht ging voran, jedoch waren da immer wieder dieses Seitenhiebe: „Schau mal, die zwei Mädchen tuscheln gerade. Die lästern bestimmt über dein Outfit und darüber, wie fett du bist!“, „Haha, du Schwächling, du bist nicht einmal fähig, die SchülerInnen zurecht zu weisen, wenn sie nicht tun, was du möchtest!“ „Du bist ein Versager!“

Stets versuchte ich, diese Stimme zu verdrängen, ihr keinen Raum zu geben und nicht daran zu glauben, was sie mir sagte. Das war jedoch nicht immer ganz leicht. Den Morgen überlebt, ging ich ins Lehrerzimmer um mir mein Essen warm zu machen. Ich setzte mich an den Tisch, etwas abseits vom Rest, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass man mich akzeptieren würde. DAS Thema war wieder einmal mehr omnipräsent und somit war es auch ganz gut, etwas abseits zu sitzen, so musste ich mich nicht beteiligen. „Die mögen dich nicht! Wie auch? Wer möchte schon mit dir befreundet sein?“ abgekämpft hätte ich am liebsten laut gerufen „sei endlich ruhig, lass mich in frieden!“ aber natürlich ging das nicht, also schluckte ich meinen Hass gegen diese Stimme wieder einmal mehr herunter. „Schau mal, die einzigen Plätze, die noch frei sind am Tisch, sind die, direkt neben dir“ ich schaute mich um, ja, leider hatte die Stimme recht.

Mir kamen Bilder hoch, von einem Schultag als kleines Mädchen, wo wir eine neue Sitzordnung bestimmen durften. Sofort sind die Blicke der Mitschüler in der Klasse herum geschwirrt, jeder hat versucht, sich einen Nachbarn zu finden, damit, wenn wir dann aufstanden, sich alle in Sicherheit wiegen konnten, dass sie nicht allein sein würden. Ich schaute mich schüchtern um, aber stellte fest, dass niemand meinen Blick suchte. Jeder, den ich anschaute, drehte seinen Kopf weg. Ich war also die einzige, die niemanden fand. Dies wurde umso offensichtlicher, als ich dann aufstehen musste und die Rangelei um die Plätze begann. Ich setzte mich zum Schluss an den Platz, der noch frei war und meine Banknachbarin verzog ihr Gesicht, als ob ich stinken würde und es eine Qual sei, neben mir zu sitzen.

Das Schrillen des Pausengongs riss mich zum Glück aus der Erinnerung heraus. Ich verstaute meinen Teller und mein Glas im Geschirrspüler und der Unterricht ging von Vorne los. Weitere Kämpfe mit meiner Stimme, weitere Erinnerungen, die zurück gedrängt werden mussten und dabei die Gute Mine zum bösen Spiel.

Abends blieb vor allen dingen eines: das Gefühl, versagt zu haben, nicht zu genügen und nicht dazu zu gehören. Aus Frust hatte ich keine Lust mehr, mir etwas zu kochen und ass also in einem self-service Lokal. „Siehst du, nicht einmal dein Geld hast du im Griff – verdienst viel und doch kriegst du es nicht auf die Reihe, damit umzugehen“.

Zuhause angekommen falle ich ins Bett und es kostet mich meine letzte Kraft, der Stimme nicht auch noch den Triumpf zu bieten, dass ich jetzt weine. Ich hoffte sehnlichst auf Schlaf, damit ich für ein paar Stunden, nur ein paar Stunden, dieser Stimme aus dem Weg gehen konnte, nicht daran erinnert werden musste, schon wieder versagt zu haben. Und schon fing das Gedankenkreisen wieder an und zog mich in seinen Schlund. Kraftlos liess ich mich darauf ein und wurde in die Untiefen der Dunkelheit gezogen.