Schnell wurde klar, dass ein Tag nirgens reicht, um die nötige Kraft zu erhalten, wieder zurück zu finden in den Job. Statt dessen wurde ich krank. Ich hatte Fieber, ich ging zum Arzt und dieser schrieb mich für eine Woche krank. Bald darauf erkannte ich,dass ich es nicht schaffen werde,nach dem Gesund werden wieder zurück zu kehren in die Schule. Zugross war der Schmerz, der in mir immer mehr zu Tage kam. Ich fühlte mich plötzlich, als wäre es nicht länger so, dass ich die Kontrolle über mein Leben hatte. Statt dessen war da mein Freund mit der Stimme, der ich immer mehr Glauben schenkte, der mich Versager nannte und Psycho.

In mir war grosse Leere, viel Zeit in der ich einfach nur an die Decke oder die Wand starrte und zum Teil nicht einmal mitkriegte, wie die Zeit verging. Panik stieg in mir auf, als die Woche sich dem Ende näherte und mein Fieber wieder weg war. Eigentlich müsste man so wieder arbeiten, aber ich merkte, dass ich es einfach nicht schaffte. Das war der Moment, in dem ich mich entschied, mich in Therapie zu begeben. Ich wusste, dass dies kein Pappenstiel werden würde, ich viel zu verarbeiten haben würde und es mir viel abverlangen würde, das alles anzugehen. Für mich war in dem Moment die Alternative – wieder unterrichten zu müssen – aber noch um ein vielfaches untragbarer und somit freute ich mich fast schon, dass ich auf diese Weise hoffentlich meinen Arbeitseinstieg etwas herauszögern konnte. Gleichzeitig war ich aber auch sehr nervös: was wenn der Psychiater sich dafür entscheidet, mich zwar zu therapieren, aber nur unter der Bedingung, dass ich wieder meine Arbeit aufnehme? Zudem reagierte ein Grossteil meines Umfeldes mit Unverständnis auf meine Situation und den Entscheid, mich krankschreiben lassen zu wollen.

Für mich war die Meinung meines Umfeldes immer enorm wichtig und ich war fast schon abhängig von deren Urteilen. Wenn mich also jemand missbilligte dafür, dass ich nicht arbeiten ging, so war dies für mich sehr schlimm, da mich das gleich in die Frage stürzte, ob es denn überhaupt gerechtfertigt wäre, „blau“ zu machen, ob meine Probleme schlimm genug wären oder ob ich vielleicht nur eine Heuchlerin sei, wie es meine innere Stimme ja schon lang behauptete. Wie ich trotzdem die Kraft fand, mich über die Urteile hinweg zu setzen und mich in psychiatrische Behandlung zu begeben weiss ich nicht mehr. Im Nachhinein fühlt es sich so an, als hätte es mich da hin getrieben und ich hätte garkeine andere Wahl gehabt.
Mit schwitzenden, zittrigen Händen sass ich im Wartezimmer des Psychiaters. Zu meiner Erleichterung roch es hier nicht steril, wie in Krankenhäusern oder Arztpraxen. Allerdings war die Aussicht auch nicht gerade berauschend, eigentlich nichtexistent: durch eine Glastür kam man in einen Raum mit vielen Stühlen. Keiner begrüsste einen, somit entschied ich mich etwas unsicher einfach dazu, in eine Ecke zu sitzen und dort abzuwarten. Normalerweise verbringe ich Langeweile und Wartezeiten oft damit, die Wände zu begutachten und meine Aufregung senkte icht oftmals mit sinnlosem Zählen von Gegenständen oder Asteinschlüssen in den Deckenpanelen, der Anzahl Spots an der Decke oder ähnlichem. Hier war das aber schwierig: der Boden war ein schwarzer Linoleum ohne Musterung, die Wände weiss verputzt, keine Tapeten, nur ein einziges Bild, das zur Hälfte Blau und zur Hälfte Orange war. Ich zählte also die Stühle: 9 waren es. Alle genau gleich und jeder hatte 4 Schrauben, die die Sitzfläche festmachten am Gerüst. Ja,ich hatte viel Zeit, denn erwartungsgemäss war der Psychiater verspätet, er ist ja schliesslich auch ein Arzt – also nicht weiter erstaunlich.
Angst kroch in mir empor und liess mich immer unruhiger werden, je mehr Zeit verstrich. Was, wenn der Arzt findet, dass ich mich einfach nur zusammenreissen müsse und dann alles wieder geht? Was wenn er mich nicht ernst nimmt? Oder: was wenn er mich einliefern lässt? Was tue ich dann? Was, wenn ich auf Drogen gesetzt werde und dann zu einer Morphium-Leiche werde, die mit verklärtem Blick durch die Gegend schleicht?
Der Mann war zum Glück einfühlsam, hat mich erzählen lassen und als ich all meinen Mut zusammen nahm und ihm meine Ängste beichtete, beruhigte er mich, dass er nicht einfach über meinen Kopf hinweg zrteilen und entscheiden würde. Zudem könne er much „beruhigen“: er sähe mich zum gegebenen Zeitpunkt ebenfalls nicht als arbeitsfähig.
Diese Aussagen von ihm erleichterten mich ungemein. Endlich hatte ich Hoffnung darauf,dass nun alles besser werden würde. Endlich wurde ich ernst genommen und mir würde geholfen. Erst da merkte ich, wie sehr ich mich vor diesem Gespräch wohl gefürchtet hatte, denn die Anspannung wich plötzluch einer unglaublichen Müdigkeit. Mit ein paar Beruhigungstropfen machte ich mich auf den Heimweg.
In grosser Erwartung, dass nun alles schlagartig besser werden würde,nahm ich die Tropfen ein und legte mich ins Bett. Ich war unglaublich müde, aber wie immer in letzter Zeit passierte wieder das Selbe: kurz vor dem Einschlafen fuhr ich wie von einer Tarantel gestochen hoch und wurde von tausend Gedanken, nagenden Fragen und meinem Freund, der fiesen Stimme heimgesucht: was läuft denn nun mit meinen Schülern? Haben diese eine gute Vertretung? Was tun die wohl gerade? Mir fehlen nich viele Prüfungen dür dieses Semester, das sollte die Vertretung noch wissen. Überhaupt müsste ich diese informieren über den Wissensstand meiner Schüler… Auch die Frage, ob ich denn die Eltern informieren sollte und was die Behörde wohl von meinem Verhalten hält kam unweigerlich immer wieder in meinen Kopf. Und was denken wohl die Schüler von mir? Ich habe sie ja von einem auf den nächsten Tag einfach ohne Vorwarnung verlassen… „Da siehst du jetzt, was deine Aktion dir bringt. Und kannst du dich wenigstens entspannen? Nein, auch nicht. Also was soll das denn? Wenn du auf deine Eltern gehört hättest und dich statt dessen zusammen gerissen hättest, dann wäre das alles halb so wild. Du könntest nun die ganzen Gedanken hinter dir lassen, weil du ja die Schüler nicht im Stich liessest.“ Gewissensbisse kamen auf und ich fühlte mich mieserabel.