Der wecker klingelte. Schrill ist mein Wecker nie, denn ich habe einen leichten Schlaf und würde den Wecker nie verpassen.
Eben war ich noch gejagt und gehetzt von Dämonen auf einem nie endenden Pfad. Immer wieder kamen Geisterstimmen von Eltern, die mich daran erinnerten, was ich alles falsch machte, was alles nicht gut sei an meinem Unterricht und wie inkompetent ich im Umgang mit Menschen allgemein sei. Sie schrien mich an, dass ihr Kind besser aufgehoben wäre bei jedem anderen Menschen dieser Welt als bei mir. Dass ich absolut nicht für den Lehrerberuf geeignet sei…
Ich riss die Augen auf und versuchte, mich ins Hier und Jetzt zurück zu holen. Leider begleiten mich Träume, egal ob gut oder schlecht, oft tagelang und ich kann mich gut an Einzelheiten erinnern. So auch an diesem Tag. Ich stand vor dem Spiegel und wollte mich zurecht machen. Sie sind absolut inkompetent! Mein Sohn hatte noch nie eine schlechtere Lehrerin!
Ich schaltete den Fernseher ein und ass mein Frühstück
„haha“, meldete mein Freund sich zu Worte, „sie nur du Assi: sitzt vor dem TV und lässt dich von belanglosem Stuss berieseln – wie niveauvoll – echt super. Wenn das deine Schüler wüssten..“
Mein Blick glitt aufs Handy und ich sah, dass ich Emails erhalten habe. Aus Gewohnheit öffnete ich die Mails und überflog sie. Da war eine vom Schulleiter, der die Eltern einer Klasse informierte, dass ich die neue Klassenlehrerin sei. – moooomeeeent – ich werde eine neue Klasse übernehmen? Seit wann das denn? Und wieso wusste ich nichts davon? Wut schäumte in mir – schon wieder werde ich übergangen, schon wieder wurde ich herum geschupft. Plötzlich wurde ich überrollt von alten Erinnerungen und ich war für einen Moment nicht älter als 11 Jahre. Erinnerungen holten mich ein von vermeintlichen Freundinnen, die mich plötzlich auf fiese art und weise verstiessen und Spielchen mit mir trieben. Wie meine Mutter nur tatenlos zusah und mir das Gefühl gab, dass ich nichts besseres verdient hätte. Die Erinnerungen kamen geballt hoch und zogen mich in ihren Bann. Klassenfahrten ohne Anschluss an Mitschüler, mein Vater der nicht hinter mir stand, meine Mutter, die mich immer hinten anstellte und meinen Bruder in den Himmel lobte, Mitschüler, die meine Sachen versteckten, Gerüchte, die verbreitet wurden über mich… „Ja, nun siehst du der Realität endlich ins Auge: du bist niemand und du kannst nichts!“ Da war mein Freund mal wieder: die Stimme, die mich immerwährend daran erinnerte, was ich alles nicht konnte. „Weisst du, du hast hier nichts verloren, und überhaupt, wie willst du schon in der Verfassung unterrichten? Sieh dich doch an: du bist ein Wrack, das schon längst ausgedient hat!“ Zitternd griff ich nach dem Taschentuch und versuchte, mein Gesicht wieder „herzustellen“… ein Blick in den Spiegel erinnerte mich aber an ein Wort meines Freundes: was ich da sah war echt ein Wrack: rote, aufgedunsene Augen, ein Gesicht, das mit roten Flecken übersäht war und eine leichenblasse Haut. Ganz zu schweigen von den Augenringen, die unter dem Make-up wieder hervor schienen… mein Haar war matt und klebte am Kopf und da ich nie gut war darin, mir Frisuren zu zaubern, musste es wohl so bleiben…
Erschrocken über mein eigenes Spiegelbiöd sass ich aufs Sofa zurück und starrte Gedankenlos vor mich hin. Diese Leere war gerade ein absoluter Segen, denn so war zur Abwechslung mal alles ruhig in meinem Kopf. Der Fernseher blabberte zwar im Hintergrund aber den nahm ich höchstens wahr wie ein Rauschen. Ich kann nicht sagen, wieviel Zeit da verstrich, als ich so auf dem Sofa sass, die Knie an den Körper gepresst und die Arme um die Knie geschlungen, den Blick ins Leere gerichtet. Ein Gedanke bahnte sich langsam den Weg an die Oberfläche von einem Gespräch mit einer Freundin. Wir sprachen über meine Müdigkeit, meine Antriebslosigkeit und ich sagte ihr damals, dass es so schön wäre, einfach einmal einige Tage Abstand zu haben und wieder auf die Beine zu kommen. Ich weiss noch, dass ich völlig erstaunt war, als sie mir nicht antwortete „ja super Idee! Auf Kosten der Steuerzahler einfach mal einwenig ausruhen und die Füsse hoch legen… Nein, sorry aber das kannst du echt nicht bringen!“ Statt dessen sagte sie einfach nur ganz ruhig: „Ich glaube das würde dir gut tun. Du schleppst so viel mir dir, vielleicht ist der Zeitpunkt gekommen, da etwas aufzuräumen und ich glaube, das verträgt sich nicht mit deiner Arbeit als Lehrerin.“ Ich hatte sie damals völlig erstaunt angesehen. Nun kam mir diese Erinnerung wieder hoch und ich überlegte mir, ob ich wirklich diesen Schritt tun sollte. Ich entschied mich nach langem Hin und Her und einem schockierten Blick auf die Uhr, die 6:45 anzeigte, dafür, die Schule anzurufen und mich krank zu melden. Gleichzeitig schwor ich mir, meinen Schulleiter zur Rede zu stellen, beziehungsweise ihm eine mahnende Email zu senden, mich bitte über den Sachverhalt aufzuklären. Mit zitternden Händen griff ich zum Telefon und rief in der Schule an. Ich hatte so Angst davor, dass man mich als Heuchlerin hinstellen würde, dass ich gezwungen würde, umgehend zu erscheinen. Ich schluckte den Kloss im Hals herunter als ich das Rufaufbauzeichen hörte.
Als ich auflegte war ich unglaublich erleichtert. Keiner hat mich beschumpfen, im Gegenteil: man brachte mir Verständnis gegenüber und mahnte mich dazu, mir bitte wirklich Zeit zu lassen um mich zu erholen. Langsam breitete sich Erleichterung aus und ich konnte mein Glück kaum fassen: ein Tag ohne Unterricht, ein Tag ohne meine kleine, persönliche Hölle zu betreten. Mit diesem Aufwind im Rücken setzte ich mich gleich hin und schrieb die Email an meinen Schulleiter. Die Worte flossen mühelos und die Email machte mich stolz: sachlich und doch bestimmt, jedoch vorsichtig genug, um einen Vorgesetzten nicht zusehr anzugreifen.
Zurück auf dem Sofa starrte ich auf mein angebissenes Honigbrot und stellte erstmals fest, wie wenig meiner Morgenroutine ich erst geschafft hatte: mein Saft noch unangetastet, mein Brot erst zur Hälfte gegessen und als grösster Schock: das Frühjournal im Fernsehen war bereits zu Ende! Die Zeit verging viel zu schnell. Viel zu bald würde mein Schulfreier Tag zu Ende sein!
Angst holte mich ein und die Erkenntnis,wie kurz ein Tag sein konnte und da kam auch mein Freund wieder und säuselte in meinen Kopf seine Worte des Versagens und strich einmal mehr heraus, wie unfähig ich sei, auch nur die einfachsten Dinge auf die Reihe zu kriegen. Dunkelheit und Schwere legte sich mit einem Mal völlig ohne Vorwarnung auf mich. Ich fühlte mich erdrückt und konnte kaum mehr atmen. Plötzlich völlig matt und antriebslos fiel ich ins Bett und weinte bittere Tränen, bis ich in die Dunkelheit abdriftete.