Borderline und Dating

Borderline und Dating

Die folgende Zeit war schrecklich. Ich hatte richtig tiefe Tiefs, war mir oft nicht sicher, was eigentlich das Leben lebenswert macht und fragte mich, warum ich eigentlich noch hier sein sollte? Allein zwei Dinge liessen mich irgendwie weiter machen, auch wenn ich gerade noch so antriebslos war: zum einen habe ich zwei Katzen und es half mir, mir vorzustellen, wie die beiden absolut Herrenlos wären und vielleicht auch verkommen würden, wenn ich mir das Leben genommen hätte – die beiden haben das nicht verdient, und ich wollte mir auch nicht zu konkrete Gedanken darüber machen, wie ich dieses Problem lösen könnte, denn der zweite Grund, warum ich mich am Leben hielt, war eine innere Stimme, die immer und immer wieder, wenn ich am Punkt war wo ich nicht mehr wollte, sich zu Wort meldete. Ich hatte einfach noch sowas wie einen kleinen Funken Lebenswillen in mir, der sich leise, aber konstant zeigte und zu Wort meldete.

Ich lernte weiter Menschen kennen in der Zeit, und freute mich ein Stück weit über die Aufmerksamkeit, die mir zu Teil wurde. Da waren so viele unterschiedliche Gestalten, aber jeder hatte seine Geschichte und ich hatte das Gefühl, gerade weil es mir so mies ging, und ich nicht einmal den Nerv hatte, dies zu verbergen, gelangte ich an viele tiefgründige Geschichten von anderen. Einige davon halfen mir, meine eigene Situation zu relativieren oder gaben mir gar das Gefühl, dass ich, im Vergleich zu denen, doch eigentlich gar nichts zu Klagen haben dürfte… Nunja, es änderte aber nichts an meinem sehr konstanten, unausweichlichen Tief.

Da war auch eine enorme Leere. Ich fühlte mich hohl, völlig nutzlos und total allein. Dates, oder zumindest Chatgespräche mit Männern liessen diese Leere für einen kurzen Augenblick verschwinden. Da gab es eine Zeit lang einen Mann, der mich total in den Bann zog, da er mit Hunden arbeitete, und sich vor allen Dingen den Hunden verschrieb, die von der Gesellschaft nicht mehr gewollt oder geduldet waren. Es faszinierte mich, wie er mit Denen umging, wie er Wege fand, diese zu resozialisieren, ihnen wieder ein Ventil zu geben, ihre angeborenen Triebe an einem sinnvollen Ort auszuleben und somit aber auch wieder angepasst leben zu können in unserer Gesellschaft. Je länger je mehr erfuhr ich auch Geschichten aus seiner Vergangenheit, lernte, dass es wohl Tiefen gibt in die man abdriften und hinunter fallen kann, die mir so noch nicht bekannt waren. Er war es auch, der mir half, mich in meinem tiefsten Tief nicht fallen zu lassen, als ich eines Abends wirklich nicht mehr konnte. Da war kein konkreter Kommentar von ihm, aber er liess mich in Erfahrung bringen, dass er solche Momente auch selbst früher mal gehabt habe, und wie er daraus hinaus kam. Allein, dass er nicht versuchte, mir zu erklären wie toll das Leben wäre und dass ich doch einfach blödsinn reden würde, wenn ich sagte, dass ich mir das Leben eventuell wirklich nehmen wollte, allein, dass er mich ernst nahm, mir zeigte, dass er verstand wo ich mich befand, half mir so unglaublich weiter. Ich glaubte, endlich jemanden gefunden zu haben, dem Abgründe nicht unbekannt waren und der vielleicht wirklich eine Hilfe und ein echtes Gegenüber sein könnte.

Unsere Gespräche erhielten immer mehr Tiefe… bis ich eines Nachts von seiner familiären Situation erfuhr, welche ein herber Rückschlag war.

Er hatte ein Kind.

Wie ich schon einmal erwähnte: ich kann mit Kindern nicht umgehen – oder jedenfalls schlecht – oder vielleicht wäre ich sogar gut im Umgang mit ihnen, wenn ich nur nicht immer die Stimme in mir hätte, die mir sagt „du kannst das nicht, du konntest das noch nie, du hast ja nicht einmal eine Ahnung, wie es ist, Kind zu sein, denn du warst es selbst nie!“ oder „siehst du, nun hast du s vergeigt, nun mag dich das Kind nicht mehr, ist wütend auf dich, kann dich nicht leiden und das wird nun auch so bleiben, denn du hast es nicht anders verdient, du bist nunmal nicht liebenswert“… Aaaber gut, er hatte also ein Kind. Scheisse. Das war das Todesurteil.

Zudem lebte er mit seiner Ex zusammen und deren neuem Partner.  Das liess mich zum Schluss kommen, dass ich da mit einziehen müsste, über Kurz oder Lang… Da ich das nicht kann, allein die Vorstellung, dass ich mich mit anderen in einem Haus unterbringen müsste und da tag täglich nie allein sein könnte… Ich bin gern in Gesellschaft, habe gern Menschen um mich herum und bin immer froh, wenn ich mich mit Freunden treffen kann… Aber das sind Fremde, nicht Freunde, das sind unbekannte Komponenten, die sich in mein Leben drängen würden und die ich nicht los würde, wenn ich etwas mit ihm anfinge… Ich würde mir zudem vorkommen wie ein Eindringling: ich käme da in eine Situation, die voll funktionsfähig war, bis ich auftauche – was also wenn die mich nicht mögen würden oder wenn ich da alles falsch machen würde, oder wenn ich dann immer Streit hätte mit jemandem dort (egal wer, es wäre ein Disaster…)

Zugegeben, das sind Gedanken, die seeeehr weit greifen. Aber: mir war klar, die Situation würde sich nicht von einem auf den anderen Tag ändern und ich würde auch nicht von ihm verlangen können, die Situation mir zu liebe zu verändern.

Er hatte ein Kind. Er war Vater. Und ich wieder allein.

Kaum merklich hatte sich in der Zeit, als ich mit ihm schrieb, meine Laune etwas stabilisiert. Vieles war wieder machbar, nicht toll, nicht schön, ohne Freude, aber machbar. Ich kochte für mich, erledigte Hausarbeiten, fütterte die Katzen… Ich lebte.

Die Nachricht von ihm riss mich völlig unvorbereitet in ein Loch, von dem ich nicht ahnte, dass es so tief sein könnte. Ungläubig starrte ich immer wieder auf den Bildschirm meines Handys, hoffte, dass ich mir das alles nur eingebildet hätte, dass das alles nur ein schlechter Scherz war… Ich fing an, mit mir zu ringen: konnte ich denn irgendwie dennoch mit der Situation klar kommen, auch wenn ich das eigentlich nicht glaubte? War er es wert, alles zu überdenken und all diese Unsicherheiten, Wagnisse und emotionalen Krisen in Kauf zu nehmen, meinen Selbstwert angreifen zu lassen von dieser ewig nervigen Stimme in meinem Kopf die mir nichts gönnt? Die mir immer wieder zu verstehen gibt, dass ich einfach ein Versager bin, egal was ich tue? Die mich hämisch angrinst wenn ich etwas nicht schaffe und sagt „Ich habs dir ja gesagt! Warum versuchst du s überhaupt noch? Du packst das alles eh nicht!“

Ich brach den Kontakt ab, denn ich konnte diese Wagnisse nicht eingehen. Nicht in der Situation in der ich war. Nicht mit meinen Problemen und meinem Selbstwert. (Im Nachhinein allerdings stellt sich hier die Frage, ob dies nicht der erste Schritt in Richtung Selbstachtung war, dass ich den Kontakt abbrach?)

 

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