Chamäleon

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Ich gehöre zu den Menschen, die gerne allen anderen alles recht machen würden. Zudem bin ich äusserst harmonie bedürftig; eine Kombimation, die nicht sehr gut kommt, wenn man nicht lernt, sich abzugrenzen.

Genau dies ist aber echt schwieriger als es im ersten Moment klingt. Ich habe oft genug Momente, in denen ich mich mindestens zweiteilen müsste, damit ich es allen recht machen könnte. Dass es somit einfach nicht möglich ist, es „gut“ zu machen ist klar. Aber was tut man denn nun? Ich sollte doch am besten „einfach“ das tun, was für mich am besten kommt. Aber was ist das denn überhaupt?

Über die Jahre wurde ich zu einem echt guten Chamäleon, das jeweils allen anderen das war, was ich glaubte, dass sie von mir sehen wollten. Ich wurde immer besser darin, zu sein, was andere von mir wollten: die brave, verständnisvolle Tochter, die ihrer Mutter Mut macht und für die da ist, wann immer sie aufbauende Worte braucht; die grosse Schwester, die für ihren Bruder sorgt; die gute Freundin, die sich interessiert für was auch immer sich mein Gegenüber interessiert; die Partnerin, die liebt bis zur Selbstaufgabe… und dafür wurde ich auch von allen Seiten mit Lob überhäuft. „Du bist so einfühlsam und eine so gute Freundin, danke“ oder ähnliches kam immer wieder an mich heran. Aber was ich denn eigentlich selber für Interessen habe, das blieb auf der Strecke. Irgendwann wurde ich so gut im Chamäleon sein, dass ich die Frage: „Wer bist du?“ nicht einmal mehr annähernd beantworten konnte.

Diese Erkenntnis hat mich erschüttert. Es hat nun mehr als ein Jahr gedauert, überhaupt wieder ein Gefühl dafür zu kriegen, was ich eigentlich gerne tue und was mich echt nicht interessiert. Es klingt sehr einfach „sich selbst“ zu sein, aber im Wesentlichen sind wir alle geprägt durch kulturelle Einflüsse, Meinungen von Menschen, die uns wichtig sind und Erwartungshaltungen, die durch unseren Beruf an uns getragen werden. Ich wage zu behaupten, dass niemand wirklich sich selbst sein kann. Aber mir half es, mich mit dem Gedanken abzufinden, dass ich beeinflusst bin durch einige Einflüsse und ich es dennoch nie allen recht machen werde. In den Situationen allerdings, wo ich mich entscheiden muss zwischen zwei unliebsamen Sachen, bzw. zwischen zwei Wegen, die beide nicht optimal sind, habe ich gelernt, darauf zu hören, was ich selbst denn gerne hätte und versuche nun, jeweils möglichst so zu handeln, dass ich selbst damit leben kann.

Das Chamäleon-Dasein hat somit ein Ende und ich hoffe, eine eigenständige Person zu werden, die unabhängig von äusserlichen Erwartungshaltungen agieren kann.

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