Drogensüchtig

Drogensüchtig

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In letzter Zeit beschäftigt es mich enorm, wenn ich Randständige sehe, die unter der Brücke hausen, die saufend und lallend durch den Park torkeln oder die mit verklärtem Blick irgendwo in ner Ecke hocken. Ich komme mir irgendwie immer ziemlich blöd vor, wenn ich „die“ anstarre… und frage mich, was wohl geschehen ist in ihrem Leben, dass sie nun da sind, wo sie sind.

Ich frage mich oft, wie deren Leben nun aussieht. Was die tun, wie sie die Welt wahrnehmen, mich wahrnehmen und wie sie vermutlich mit viel Unverständnis reagieren würden darauf, dass ich krank geschrieben bin, es mir angeblich schlecht geht, ich aber nach wie vor ein Dach über dem Kopf habe, ein Bett und sogar eine Küche habe, das Geld besitze, mir Essen zu kaufen und so weiter… Ja, und dann wieder frage ich mich, ob es denn eigentlich ein Stigma ist, dass all die Leute, die besoffen im Park hocken, zwingend ihr Leben nicht im Griff haben? Vielleicht sieht das nur so aus? Es fällt mir so schwer, mich da hinein zu denken, denn irgendwie ist das ein Leben, das so fern von meinem abläuft, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie es sich anfühlt. Und genau das beschäftigt mich wohl so sehr. Irgendwie habe ich enormes Mitleid mit diesen Gestalten, und dann wiederum frage ich mich, ob die das auch haben mit sich selbst… und glaube, dass das vermutlich nicht so ist, dass die wohl einfach leben, einfach voran schreiten und mich und „meine Welt“ im wesentlichen genau so unverständlich finden wie ich die ihre…

Teilweise schockiert es mich vermutlich auch, dass es hier, in der „westlichen Welt“ der „zivilisierten Gesellschaft“ oder wie auch immer wir „unsere“ Welt nennen wollen, nicht halb so toll abläuft und es immer noch Menschen gibt, die in Armut leben, die kein Geld haben für eine Unterkunft, die sich in Drogen, Alkohol und Schlägereien verwickeln weil sie keinen Ausweg mehr sehen… Aber wir spenden – für alles Mögliche, in Drittweltländern (die zweifelsohne auch Hilfe benötigen, aber vermutlich nicht unbedingt finanzielle) und machen unsere Augen zu, vor dem Leid, was eigentlich direkt vor unseren Füssen sitzt/liegt.

Ja, und so sehr mich ja mein eigenes Plädoyer fasziniert, so sehr hört es genau da auch auf: was tut man denn nun um solchen Menschen zu helfen? Ich kann ja nicht zu einem Alkoholabhängigen gehen und ihm sagen „Hey, Junge, mein Gott weisst du eigentlich, dass es gar nicht mal sooo toll ist, Alkohol in Überschuss zu trinken? Hey, es geht auch ohne – ich kann es ja auch…“ Ich vermute mal, das wären dann wohl meine letzten Worte in dieser Welt.

Vermutlich ist es genau das, was mich so sehr beschäftigt, wenn ich mal wieder in einem Restaurant esse und plötzlich ein Bettler durch die Reihen geht, erst freundlich um Geld bittet, dann aggressiv wird, weil er nichts erhält und zum Schluss von der Bedienung raus geschmissen wird, was gar nicht so einfach ist und gleich zwei Männern bedarf, damit der Typ sich endlich vom Acker macht und die Gäste im Restaurant wieder in Ruhe ihre Cocktails und Häppchen geniessen können. Wie könnte man es schaffen, dass eben diese Menschen unterstützt würden, ich meine, nachhaltig? Denn es macht ja auch keinen Sinn, diesen Menschen Geld zu geben, nur damit sie damit ihre Sucht weiter bestärken können? Andererseits ist es ja auch blöd, wenn sie gewalttätig werden, sich prostituieren um an das Geld zu kommen, das sie benötigen. Ach ja, ich drehe mich im Kreis. Bin gespannt ob jemand von euch Ideen hat.

4 Antworten

  1. Patrick H.
    | Antworten

    Einige haben sicher eine schwere Havarie hinter sich. Andere hingegen sind dem Druck unserer geregelten Welt in eine harte, aber simple Parallelwelt geflüchtet.
    Früher war ich so anmaßend meine „milden Gaben“ zweckgebunden zu zuteilen. Heute sage ich mir „Ich würde das, insbesondere im Winter“ auch nur mit Alkohol aushalten.
    Ich habe großen Respekt vor unseren „Parkbewohnern“! In Hamburg habe ich einige bei mir im Umkreis meiner Arbeit, die mich mittlerweile genau kennen und sich über einen normalen Smalltalk freuen.
    Manchmal wünschte ich mir, den Mantel der Zwänge abzustreifen und auch einfach nur zu leben – sogar von der Hand in den Mund.
    Auch wenn oder gerade weil man dann Sorgen hat…
    https://issoundnichtanders.wordpress.com/2016/07/28/sorgen/

    Danke für Deine Zeilen, die mich nachdenklich gemacht haben!
    Schlaf gut.
    Patrick

    • LyrenOrva
      | Antworten

      Danke für deine Gedanken 🙂 (leider sind die im Spam gelandet -.- darum erst heute eine Antwort, sorry!)
      Das klingt ja echt interessant! Du hast also mit denen auch voll den Kontakt und die alzeptieren dich? Sorry, ich bin da wirklich sehr unbeholfen…
      Ja ich bewundere diesen Lebensstil auch – und schäme mich dann, dass ich so verschwenderisch bin, während andere sich freuen über ein Dach über dem Kopf wenns regnet…
      Den Artikel gönne ich mir morgen auf der Zugfahrt 🙂 Danke fürs aufzeigen 🙂

  2. Patrick H.
    | Antworten

    Naja, ein paar nette Worte – mehr nicht. Aber warum auch nicht, die wechsle ich ja auch mit der Bäckerin …

    • LyrenOrva
      | Antworten

      klar, das ist genau das, was mich irgendwie beschämt… immer diese Angst, es könnte ja sein, dass ich mich falsch verhielte oder so… du bist mir gerade ein Vorbild darin, eben mal anders zu reagieren 🙂

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