Etienne

Etienne

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Schon dreimal im Kreis gefahren und den angegebenen Ort immer noch nicht gefunden, fühlte ich mich langsam verarscht von meinem Navi (das ich eigentlich echt mag, nur schon, weil es „nüvi“ heisst, was ich irgendwie niedlich finde), schalte dieses kurzer Hand aus und frage Dr. Google oder viel mehr Google Maps um Rat. Ich bin eigentlich eine Person mit wirklich gutem Orientierungssinn, aber wenn mein Nüvi mich auf falsche Fährten schickt und ich vorher nicht genau geschaut habe, wo ich denn hin muss, kann ich leider auch nicht zaubern. Also Karte auf, nachschauen und realisieren, dass ich wohl, um zum vereinbarten Parkplatz zu kommen, durch ein Fahrverbot fahren muss und nüvi zudem die falsche Strasse markiert hatte… Da die Gegend nicht unglaublich befahren war, und ich langsam echt nicht mehr weiter wusste, hoffte ich demnach einfach darauf, dass die Gesetzeshüter nun nicht gerade da stehen und mich büssen. Was sich als falsch herausstellte, denn Murphys Law gilt einfach immer: wenn es schief läuft, dann richtig. So fuhr ich also über die Fahrverbotsbrücke und mir entgegen kam ein Streifenwagen. Natürlich. Gerade wollte ich mir anfangen, mir eine Ausrede auszudenken, als ich feststellte, dass die keine Anstalten machten, mich aufzuhalten, sondern einfach gewähren liessen. Verwirrt schaute ich den Herren nach, die mich absolut keines Blickes würdigten. Ein grosses Feld mit sicher 50 Parkplätzen erstreckte sich nun plötzlich vor mir und somit war mir auch klar, warum mich die Gesetzeshüter nicht aufhielten – anscheinend war es hier absolut legal zu parken. Aber wieso dann ein Fahrverbot?

Noch total in meine Gedanken vertieft parkte ich mein Auto und wie immer, wenn ich etwas zu früh bin, versuche ich, die Gegend etwas auszukundschaften – nur um einen Anruf zu erhalten von Etienne, ich solle mich doch bitte umdrehen und in die andere Richtung laufen. Handy noch in der Hand und am Ohr, drehte ich mich um und sah tatsächlich in einiger Entfernung ein Auto, das seinem gleich kommt und verdächtiger weise einen Mann mit Hund davor. Einerseits freute ich mich riesig, ihn zu sehen, aber andererseits hatte ich immer eine ziemliche Paranoia davor, von Anderen beobachtet zu werden. Umso beruhigter war ich, als ich sah, dass er mir bloss kurz winkte, um dann den Blick abzuwenden und etwas anderes zu betrachten. Bei ihm angekommen, war mir auch schnell klar, was: er beobachtete eine Hundebesitzerin, wie sie ihren Hund „führte“. Amüsiert stellte ich fest, dass seine Aufmerksamkeit dermassen bei diesem Hund auf der anderen Seite des Parkfeldes war, dass er mich bloss flüchtig begrüsste, den Blick immer noch auf die Dame und ihren Hund gerichtet.

Es war warm, um nicht zu sagen heiss, für einen Frühlingstag. Bewegung bringt mich sehr schnell in die missliche Lage, dass ich anfange zu schwitzen, besonders, wenn mir die Sonne auf den Rücken brennt. Leider war aber der Ort, an dem wir spazieren wollten, absolut Schattenlos. Da waren Felder auf beiden Seiten des Weges, aber keine Bäume, die einen etwas von der brütenden Sonne schützen würden. Ich schämte mich, schon innert kürzester Zeit klatsch nass zu sein und hoffte, dass Etienne zu sehr auf seinen Hund fixiert wäre, als dass er das bemerken würde. Dennoch: die Peinlichkeit war es wert: wie schon das erste Mal haben wir uns echt super verstanden und auf Anhieb Gesprächsstoff gefunden. Bei den vielen Geschichten, die er über seine Vergangenheit erzählen kann, ist das aber auch nicht weiter verwunderlich. Ich neige eigentlich oft dazu, selbst sehr viel zu brabbeln und von mir zu erzählen (oft aber nur, weil ich befürchte, dass sonst das Gespräch aufhört, bevor es angefangen hat, weil einfach mein Gegenüber nichts zu erzählen weiss). Hier war es erfrischender weise so, dass ich einfach zuhören konnte, mich in seine Welt begeben konnte und er mir diese auch gerne aufzeigte.

In einem Film, weiss ich noch, kam mal eine Aussage, dass die Schwarzen in einer anderen Welt lebten als die Weissen. Ich dachte damals, dass es doch eigentlich bloss eine Welt gibt. Physikalisch gesehen gibt es unseren Planeten vermutlich auch nur einmal (ausser man glaubt an parallell Universen…) aber, was die vermutlich meinten ist, dass die Welt, wie man sie wahr nimmt, enorm davon abhängt, in welcher Schicht der Gesellschaft man aufwächst und in welchem Land. So hatte ich das Glück, in der oberen Mittelschicht aufzuwachsen, wo man sich mit Luxusproblemen auseinandersetzt wie „Mama, das ist voll unfair, ich bin die einzige, die noch kein… hat“ oder Erwachsene, die nun schon seit mehreren Wochen nicht mehr dazu kommen, ihren allwöchentlichen Spa-Termin mit Freundinnen wahr zu nehmen, weil sie zu viel um die Ohren haben. Oh, weh.

Seine Welt jedoch, war anders. Mir völlig fremd. Erinnerte mich an die Ghettos aus Amerika, die ich noch leise zu ahnen wagte, dass es sie auch in Deutschland geben würde und vielleicht in den anderen europäischen Ländern. Aber hier in der Schweiz? Der von mir vermuteten heilen Welt in der der Fuchs noch dem Hasen gute Nacht sagt, da hätte ich echt nicht erwartet, dass es sowas überhaupt gibt. Ich wusste, dass es Menschen gibt, die am Existenzminimum leben, aber ich dachte mir, dass diese dennoch ein sehr gutes Leben führten. Ich wusste, dass es verschuldete Menschen gab, dachte aber, bei unseren Versicherungen ist es fast nicht möglich, sich stark zu verschulden ohne dass man Hilfe kriegen würde. Ich war einfach das Naivchen vom Dienste, dass nicht erwartet hätte, dass es in meinem Unmittelbaren Umfeld so viel Leid gibt. Schön und irgendwie beachtlich fand ich, dass es ihm nie darum ging, sich zu beschweren über sein Leben oder in mir Mitleid zu erregen. Er liess mich einfach an seinen Erinnerungen Teil haben, weil er wohl merkte, dass mich dies brennend interessierte.

Es dunkelte ein und weil es plötzlich frisch wurde, begaben wir uns in sein Auto um unsere Unterhaltung da fort zu setzen. Auffälliger weise kam sie dort aber plötzlich oft ins Stocken. Blicke wurden ausgetauscht, tiefe Blicke, von denen er sich aber schnell abwandte und die immer gleiche Frage in den Raum stellte: „Und jetzt?“. Ja, und jetzt? Sehr gute Frage. Wir merkten wohl beide, dass wir hier jemanden gefunden hatten, der super passt. Wir wussten aber, dass dieses „Passen“ nur auf der emotionalen Ebene gegeben war – die ganzen Umstände darum herum waren miserabel. Immer wieder verwarf er die Hände und meinte, er wisse nicht was er tun solle, er könne seine Situation nicht ändern, und somit würde „es“ keinen Sinn machen. Rational musste ich ihm zustimmen: es wäre Irrsinn, sich einzubilden, dass eine Beziehung zwischen uns Bestand haben könnte in unserer Situation. Aber ach, ich bin überhaupt kein rationaler Mensch. Ratio und ich hassen uns manchmal regelrecht. Zudem bin ich ein Mensch, der, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, nicht aufgibt, bis er kriegt was er will und wenn ich dazu mit dem Kopf durch die Wand muss. Zudem hat mir jemand einmal gesagt: „Konsequent sein heisst, auch Holzwege zu Ende zu gehen“. Jap, absolut. Und zwar solange zu Ende gehen, bis ich ins Wasser plumpse, dass sich am Ende des Weges befindet, oder in den Sumpf oder in die Betonwand, oder was auch immer. Vorher gebe ich einfach nicht auf und ich merkte, hier war ich wieder einmal mehr in genau dieser Situation: aufgeben ist nicht, nur wer wagt, gewinnt, wo ein Wille ist ist auch ein weg…

So kam es dann, dass wir beide ausstiegen aus seinem Auto, weil er sich von mir verabschieden musste. Es war der komische, nervenaufreibende Moment, in dem man nicht weiss, wie man sich denn nun gebührend verabschiedet. Ich sah ihn unsicher an, und merkte, wie er mindestens genau so unsicher war. Die Zeit blieb stehen und irgendwann war mein Verlangen, es mit ihm trotz allem zu versuchen einfach zu gross. So schritt ich auf ihn zu und umarmte ihn, in der Hoffnung, dass er mich nicht weg stossen würde. Mein Herz schlug mir bis zum Hals vor Aufregung, denn was, wenn ich mich irrte, er mich eigentlich doch nicht wollte, er nur einfach nett war zu mir aber kein Interesse im engeren Sinne hatte an mir?

Ich hätte mir die ganze Aufregung sparen können, denn als ich mich auf ihn zu bewegte und ihn umarmte, schlangen seine festen Arme sich sofort um mich und liessen mich nicht mehr los. So atmeten wir uns gegenseitig ein, mein Kopf an seinem Hals und an seine Schulter gelehnt, sein Kopf in meinem Haar. Ich spürte seinen ganzen Körper wie er sich an meinen presste, als würden wir versuchen, eins zu werden. In gewisser Weise fühlte es sich sogar genau so an. Wir waren eins. Wir würden immer eins sein, denn wir haben uns gefunden – zwei unentzweibare Puzzleteile. Ich blickte zu ihm hoch und hatte nicht einmal wirklich Zeit ihn zu betrachten, da hatten sich unsere Lippen bereits gefunden. Leidenschaftliche Küsse wurden ausgetauscht, während wir nach wie vor eng umschlungen da standen. Ich fand mich plötzlich an die Seite seines Autos gepresst – diesmal aber überhaupt nicht gegen meinen Willen, denn ich genoss es, ihm so leidenschaftlich nahe zu sein. Ich fühlte mich einfach zuhause bei ihm, wohl, sicher. Mir war klar, dass er keinen Schritt weiter gehen würde, als dass ich es für gut hiess. Wir endeten kurzer Hand wieder in seinem Auto, auf dem Beifahrersitz, eng umschlungen, küsend und hoffend, dass in der Zeit, die wir da verbrachten, sich die ganze Welt auf den Kopf stellen würde, so dass es bei unserem Auseinandergehen keine Hindernisse mehr gäbe für uns. Ich genoss seine unglaublich weichen Lippen, seine weiche Haut, die Hände, die mich streichelten, mir Halt gaben und das Gefühl, dass ich nun endlich sicher sei, ich angekommen wäre und mir nichts und niemand mehr etwas anhaben könnte. Der Geruch der ihn umgab betörte mich und am liebsten hätte ich ihn schlicht nie mehr losgelassen. Viel zu schnell allerdings, war der magische Moment vorbei und wir kamen wieder in der knallharten Realität an. Ich musste heim, denn er hatte Verpflichtungen.

Tiefe Trauer überkam mich, als ich realisierte, dass dieses Gefühl des Verlassenwerdens, vermutlich noch eine ganze Weile ein grosser Bestandteil unserer Beziehung sein würde. Er begleitete mich zu meinem Auto, wir schauten uns noch einmal tief in die Augen (mein Gott, ich könnte ertrinken in seinen schönen, blauen Augen), küssten uns und hielten uns fest, bis wir den Abschied nicht mehr länger hinaus schieben konnten, ich in mein Auto steigen musste und heim fahren. Ich hätte in dem Moment so gerne das Schicksal oder Gott in die Finger gekriegt und sie solange angeschrien und angefleht und verprügelt, bis sie mir Etienne geben würden, ohne all die mühsamen Umstände, ohne dieses fiese Gefühl des Verlassenseins, ohne die riesige Distanz und die Unmöglichkeiten. Aber leider war da niemand, kein Gott, kein Schicksal, bloss ich, mein Auto und die Musik aus meinem Handy, auf der Rückfahrt zu mir nachhause.

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