Lasagne

Lasagne

Handy an – mehrere Nachrichten. Ich liebe es, wenn mein Icon vom Nachrichtendienst einen roten Kringel hat und da eine möglichst hohe Zahl steht, denn ich liebe Nachrichten 🙂 Aber nicht so an dem Tag, denn die Hälfte der Nachrichten war von Ben, der mir versuchte klar zu machen, was alles auf mich warten würde am Sonntag. Beinahe hätte ich dieses Treffen vergessen nach dem schönen Abend mit Etienne.

Nun sass ich ganz schön in der Klemme. Ich hatte echt grosse Gefühle für Etienne, die ich einfach nicht länger zurück halten konnte und je länger ich nach dachte, umso mehr war für mich klar, dass ich es einfach wagen musste, mit ihm eine Beziehung einzugehen und wenn es bloss war, damit ich sagen konnte, dass ich es versucht hätte. Aber wie sah das eigentlich nun bei Etienne aus? Dachte er überhaupt gleich wie ich oder war ich einfach bloss eine willkommene Ablenung an dem Abend ohne weitere Verpflichtungen oder Gedanken? Ich wusste, dass er sich ab und an mit ein paar Frauen traf, einfach für eine kurze Nummer… ob er das nun immer noch tat? Ich merkte, dass ich enorm unsicher war und auch ein wenig eifersüchtig. Aber wir schienen halt einfach noch in der Datingphase zu sein, wo es nicht verwerflich wäre, wenn er sich auch noch mit anderen traf… aber entsprechend wäre es auch nicht tragisch, wenn ich mich mit Ben träfe. (Aus welchem Grund auch immer dachte ich nicht darüber nach, ob ICH denn lust hätte, ihn zu treffen, sondern bloss, ob es denn Etienne gegenüber fair wäre). Ben habe ich ja eigentlich versprochen, dass wir uns noch einmal sehen würden. Ich musste das also einfach durch ziehen. Mir schauderte es, wenn ich zurück dachte an den letzten Dienstag – es schien so unglaublich lange her, doch eigentlich lagen lediglich 4 Tage dazwischen, 4 ereignisreiche, schreckliche, schöne, verletzende und wunderbare Tage.

Die nachfolgende Story kann ich nicht in der Tiefe wiedergeben, wie ich es sonst tat – sorry also, falls das nun alles ziemlich lustig, unreflektiert und etwas salopp rüber kommt.

Nun denn, ich beschloss, das Treffen durch zu ziehen, zog mich am Sonntag Abend auch entsprechend an, machte mir Gedanken, was ihm gefallen könnte (warum eigentlich? Offenbar war es ja ohnehin keine Kunst ihn zu verführen…) setzte mich dann ins Auto und fuhr zu erst zu meinem Vater zum gemeinsamen Abendessen, nur um anschliessend direkt zu Ben zu fahren. Dort angekommen atmete ich nochmals tief durch bevor ich mich zur Wohnungstür begab und klingelte, denn eigentlich war mir klar, dass es nun wieder um Sex gehen würde, der mir nicht gefiel, und den ich ihm dennoch geben würde.

Prompt wurde geöffnet und ich gleich mit dem Öffnen der Tür überrumpelt von einem Kuss – oh ja, super, da war ja was: seine Zunge erkundete bereits wieder meinen Rachenraum, bevor ich überhaupt dazu kam, sie irgendwie zurück zu schlagen. Zum Glück liess er bald von mir ab, um mir meinen Mantel abzunehmen. Obschon es bereits Anfang Mai war, war es dennoch ganz schön frisch. Die Geste, das musste man ihm lassen, war echt nett; dass er mir den Mantel abnahm und mir so die Gelegenheit gab, kurz anzukommen. Allerdings war das auch gleich alles, denn danach wurde ich zielstrebig, direkt in sein Schlafzimmer manövriert.

Ich bin nicht grundsätzlich dagegen, in ein Schlafzimmer gezogen zu werden. Allerdings gibt es da so ein paar Ausnahmen: wenn mir einer eine ganze Woche lang schreibt, dass er mich vermisse und gerne wieder einmal zusammen essen gehen würde, und mit mir quatschen… dann hätte ich erwartet, dass wir nun erst einmal mit einem Glas Wasser (ich trinke ja keinen Alkohol) auf sein Sofa sitzen würden und er mir von seiner Woche erzählte…  Auch das hätte noch einen Touch Call-Girl, aber es wäre nicht ganz so extrem, wie wenn ich mehr oder weniger von der Türschwelle ins Bett manövriert wurde. Aber er schien da orale Konversation etwas anders zu verstehen… Im Schlafzimmer angekommen ging es dann auch gleich ziemlich arg zur Sache und ich fragte mich erneut, warum ich mir überhaupt die Mühe machte, zu überlegen was ich anziehe, denn innert Sekunden waren meine sorgfältig ausgewählten Klamotten auf dem Boden zerstreut und er versuchte, sich ans „Werk“ zu machen. Leider kamen mir bei seinen Versuchen alte Gespräche mit einer Freundin in den Sinn:

Wir sassen damals gemeinsam auf ihrer Veranda und unterhielten uns eher frustriert über unsere ersten sexuellen Erfahrungen. Letzten Endes stellte sich heraus, dass sowohl sie als auch ich ganz schön wenig Spass an dem ganzen „Gefummel“ hatten. Statt dessen waren wir des Öfteren mit den Gedanken bereits beim Erstellen der Einkaufliste und wussten einfach genau, was wir tun mussten, damit unsere Männer möglichst schnell kriegten, was sie wollten und wieder von uns abliessen. Sie verglich den Akt mit ihrem damaligen Freund so in etwa damit, dass sie während seinen Übungen abwartend da lag und ihr die Melodie von Tetris oder eine Melodie aus einer Warteschleife bei einer Telefonhotline durch den Kopf ging, oder der Melodie in einem Fahrstuhl: „und wenn er dann kommt machts „Pling“ und die Tür vom Fahrstuhl geht auf, die Melodie die da gespielt wurde, wurde leiser und ich konnte den Fahrstuhl verlassen“. Wir mussten beide herzhaft lachen als wir uns vor Augen führten, wie kaputt unser Sexualleben war. Bei mir war es dann eher die Einkaufsliste, die im Kopf immer mehr Bestand annahm oder ich dachte daran herum, was ich danach essen wollen würde.. „mmmmhmmm… Lasagne…“ (Das Stichwort Lasagne-Sex war lange Zeit unser Codewort dafür, dass wir mal wieder echt schrecklichen Sex hatten).

So ähnlich erging es mir an besagtem Abend leider auch: ich lag da auf dem Bett und liess ihn gewähren, denn er schien sich revangieren zu wollen für das, was ich am Dienstag geleistet hatte. Leider schien er nach wie vor keinen Plan der weiblichen Anatomie zu haben und ich fragte mich allmählich, wie er es eigentlich geschafft hatte, eine Tochter zu zeugen, wenn er doch offenbar echt wenig Ahnung von Frauen hatte. War er vielleicht schwul? Nein, dann hätte er dem Klischee nach zu urteilen, mehr Feingefühl und würde niemals so schnell zur Sache kommen. War er wo möglich eigentlich noch Jungfrau, nur einfach ohne dass er sich traute, dies zu zu geben? Nein, dafür war das Kinderzimmer in seiner Wohnung zu real… Na gut, also einfach ungeschickt. Da ich zu scheu war, ihn am Patschehändchen zu nehmen und ihm die weibliche Lust zu erklären, blieb mir nur noch abzuwarten und irgendwann einen Orgasmus vor zu täuschen, damit das ganze Trauerspiel ein Ende fand. Schnell kickte bei mir dann die Routine ein und ich sorgte dafür, dass er möglichst zeitnah, aber so, dass nicht auffiel, dass ich es eigentlich bloss hinter mich bringen wollte, auf seine Kosten kam.

Ob ich stolz darauf bin? Gewiss nicht. Bei mir gibt es in solchen Situationen zwei Arten, wie ich reagiere: entweder fühle ich mich angeekelt von mir selbst und meinem Tun und hasse mich dafür, überhaupt da hin gegangen zu sein, oder ich verachte mein Gegenüber. Hier war klar das Zweite der Fall. Ein Teil von mir war richtig gehend höhnisch und verachtete den „kleinen Zwergen“ total. Überheblich, wie dieser Teil von mir ist, konnte ich in dem Moment mit gutem Gewissen behaupten, dass ich etwas konnte, was er absolut nicht beherrschte, und ich fühlte mich wie die perfekte Sexgöttin, die der kleinen Null so einiges voraus hatte. Allerdings hatte ich absolut kein Interesse daran, mich mit ihm weiter einzulassen, denn wenn ich einmal einen Typen auf die Art abgewertet hatte und für unfähig befand, konnte der nie mehr punkten bei mir.

So ging ich an dem Abend mit dem merkwürdigen Gefühlsmix aus Überheblichkeit und Ausbeutung aus der Wohnung zurück in mein Auto und heim in mein Bett. Denn irgendwie fühlte ich mich wirklich, als wäre ich von ihm gebucht worden dafür, ihm einen guten Start in seine neue Woche zu bescheren nur um dann erneut aus seiner Wohnung komplimentiert zu werden mit den Worten, dass er nun unbedingt schlafen müsse und wir das aber dringend möglichst schnell wieder tun müssten. Zu dem Zeitpunkt hatte ich absolut keinen Nerv dafür, ihm zu sagen, dass ich nicht gedenke, ihm auch nur noch einmal zu schreiben, geschweige denn ihn nochmals zu treffen.

Wie durch ein Wunder wurde ich zu Hause kurz vor meinem Zubettgehen genau von der einen Freundin angerufen, mit der ich damals auf der Veranda über unseren Sex Frust sprach. Ich lag bereits im Bett und sie wohl auch und wir telefonierten, wie in alten Zeiten und unterhielten uns über unsere Partnerschaften. Es stellte sich heraus, dass wir in einer nicht unähnlichen Situation waren an diesem Abend. Sie mit ihrem langjährigen Partner, ich mit meinem nicht ganz freiwilligen Date. Es tat so unglaublich gut, die ganze Situation, die mir deutlich näher ging als es hier vielleicht den Anschein macht, mit ihr zu besprechen und so zu überwinden. Ich konnte Distanz gewinnen, mich wieder als vollwertiges Wesen sehen und nicht als eine Prostituierte, deren Aufgabe es halt war, genau das zu tun was ich an dem Abend tat: einem Mann das Gefühl geben, dass er gut war, dass er es brachte und somit sein Ego etwas zu steigern. Prostituierte, die das gerne machen und denen es nichts ausmacht, vor denen habe ich Hochachtung, denn ich könnte das nicht unbeschadet machen, schon gar nicht über mehrere Jahre, völlig egal, wie viel ich verdienen würde.

So schlief ich dann trotz allem mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein und war meiner Freundin so dankbar wie nie zu vor, dass sie einfach einmal mehr zur rechten Zeit am rechten Ort war.

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