Massage

Massage

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Das Herz schlug mir bis zum Hals. Nervös rutschte ich auf meinem Stuhl immer wieder hin und her, schaute abwesend auf mein Handy und versuchte parallell das Risotto von meinem Teller irgendwie in meinen Mund zu verfrachten – allerdings war dieses zum einen zu heiss und zum anderen gerade zur absoluten Nebensache geworden. Ich war aufgeregt, denn Leo sollte jeden Moment hier auftauchen – völlig unerwartet. Ich setzte mich also so hin, dass ich den Eingang des Restaurants gut im Blick hatte und tausend Gedanken rasten durch meinen Kopf: wie begrüsst man sich nach so intensiven Gesprächen, wenn man dennoch eigentlich bloss Freunde ist? Wie wird er überhaupt auf mich reagieren? Denn, weil ich ja nicht mit ihm gerechnet habe, sass ich da völlig ungeschminkt, mit Brille, Haare zerzaust, Schlabberlook… Also genau so, wie man einem Mann begegnen will, den man etwas mehr als nur gern hat…

Und da kam er – schön wie immer, top gepflegt, und einmal mehr sah man ihm das Alter und die Müdigkeit überhaupt nicht an. Genau, was ich nun brauchen konnte: ohnehin schon verunsichert und mit dem Gefühl, hässlich zu sein, auf einen Typen stossen, der gerade alles andere als hässlich ist und somit so garnicht neben mich passte. Er blickte durch die Tür und erkannte mich wohl direkt – sofort strahlte er übers ganze Gesicht, kam zu mir und nahm mich in den Arm – lange und intensiv. Es war so unglaublich schön, von ihm gehalten zu werden. Und so erübrigten sich gleich mehrere Sorgen auf einmal: die Begrüssungsform hatte sich erledigt und er schien es nicht so schlimm zu finden, mich in so ungepflegter Form vor sich zu wissen. Auch wenn ein grosser Teil von mir dies wieder abwertete, ein kleiner Teil von mir war dennoch erleichtert und etwas beruhigt, dass ich ihm wohl auch in diesem Zustand gefalle.

Es folgten unterhaltsame Gespräche und tiefe Blicke, und mir war echt unangenehm, dass ich da sass und ass, während er mir zuschauen musste (und wegen mangelnder Bedienung dabei sogar lange auf dem Trockenen sass…). Aber es war einfach toll, ihn da zu wissen.

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Da waren wir also im Zimmer angekommen und ich wurde sogleich nochmals fest und innig umarmt, was mich verwirrte und zugleich beruhigte, freute, ärgerte, innerlich jubeln liess… Ein Chaos. Er versprach, mich zu massieren und sagte, dass ich mich aufs Bett legen und mich ausziehen soll, damit er beginnen könne und verschwand dabei im Bad. Hierzu muss vielleicht erwähnt werden, dass er dies durchaus öfters tut – Hobbymasseur für so ziemlich sein ganzes Umfeld, für ihn war das also nichts Spezielles… für mich schon. Gehemmt sass ich da. Unfähig, mich zu bewegen, unfähig, mich zu entblössen, ein Teil von mir schrie auf, warnte mich davor, auch nur einen Schritt weiter zu gehen, versuchte, mich dazu zu bringen, mich unter eine Decke zu begeben und bloss nichts mehr an mich ran zu lassen. Warnte mich vor der ewig gleichen Masche von Typen, unter dem Vorwand der Massage eine Frau ins Bett zu kriegen und sich zu nehmen, was sie glaubten, dass ihnen zustand.

Ein Teil von mir wehrte sich, meinte, dass Leo nicht so sei, dass er ja schliesslich immer höflich war, keine Barrieren überschritt, mich nie irgendwo berührte beim Tauchen, wo es sich nicht gehörte… Dieser Teil sehnte sich nach Berührungen von ihm, nach Nähe in jeglicher Form, egal, zu was dies führen würde. Paralysiert sass ich – noch immer angezogen – auf dem Bett, unfähig irgendetwas zu machen.

Da kam er zurück und scherzte über meine Zurückhaltung, mich auszuziehen, denn er hätte mich ja auch schon im Bikini gesehen… wo also der Unterschied sei? Ich weiss nicht, irgendwie ist das für mich, auch wenn es genau gleich viel Stoff ist, ein riesiger Unterschied. Warum? Keine Ahnung. Ich fühlte mich verhöhnt, nicht wahrgenommen und nicht ernstgenommen und mein Mistrauen wuchs. Dennoch endete ich gleich schon wieder in einer Umarmung, die ich genoss, die mir Halt gab, die mir Sicherheit vermittelte. Er sass nur da, umarmte mich und betonte immer wieder, dass er nicht wisse, was er tun solle, damit er nicht zu weit ginge, damit ich mich nicht unwohl fühlen würde… Gefühlt vergingen Stunden, in denen ich ein Wechselbad der Gefühle und einen Kampf der inneren Stimmen durchlebte. Es siegte die Neugier, neben ihm zu liegen, sich an ihn zu kuscheln und zu schauen, was er zulassen würde und ob ich mich in meinen Gedanken, dass er sich für mich interessierte, irrte. Kaum waren die letzten Zweifel beseitigt, dass er durchaus Interesse hatte, meldete sich allerdings auch schon das schlechte Gewissen: was war denn nun eigentlich mit seiner Freundin? Wieso liess er das zu? War er sich bewusst, was er tat oder liess er sich gerade einfach von Gefühlen übermannen, die er am nächsten Morgen bereuen würde…?

Auch wenn es mich viel Mut kostete, ich versuchte, die Fragen zu stellen und erfuhr, was ich vermutete. Und auch wenn ich noch immer nicht recht wusste, wie ich die Informationen einordnen sollte, ich entschied mich dafür, es zu versuchen, es darauf ankommen zu lassen…

Es folgten somit Tage voller unglaublich schöner, wundervoller Momente, tiefe Gefühle ebbten in mir auf, ich war zufrieden, glücklich und dennoch: jeden Morgen aufs Neue kamen Zweifel in mir auf: „Was tue ich da? Wie soll das gehen? Was soll das?“ Und auch ihm ging es nicht anders. So war die Trennung umso seltsamer, liess eine Leere zurück, eine Ungewissheit, die mich beinahe erdrückte.

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