Nähe und Distanz – oder die Kunst vom Leben und Lebenlassen

Nähe und Distanz – oder die Kunst vom Leben und Lebenlassen

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In meinem, wenn auch noch nicht sehr langen, Leben konnte ich schon mit verschiedensten Kulturen, Ländern und Religionen in Kontakt treten. Dies war immer wieder aufregend für mich. Als Kind war es oftmals furchteinflössend, wie andere Kulturen miteinander umgingen oder auch mit mir (wenn mich zum Beispiel ein älterer Mann zur Begrüssung auf dem Bazar in die Wange kniff, dazu ungewohnt laut etwas sagte in einer Sprache die ich nicht kannte und mich angrinste). Ich glaubte, mein Vater sei brutal, als er 20 Minuten mit einem Mann auf einem Markt verhandelte und dann weg lief und die Hände über dem Kopf verschlug. Meist gehörte dies aber einfach nur zum „Spiel“, genau wie auch die darauf folgenden zwei Dinge: der Mann, der vorher noch auf seinem Preis beharrte und meinte, das sei sein letztes Angebot, verfolgte meinen Vater und bot einen plötzlich erstaunlich viel tieferen Preis oder Extraleistungen, und zum Schluss dann die Miene des Verkäufers, die einen glauben machte, dass er so niiieeemaaals über die Runden kommen würde, wenn er jedem so einen Preis machen würde. Für mich als Tochter schien dies alles absolut gnadenlos von meinem Vater und ich dachte oft, er sei der grösste Tyrann auf Erden. Später lernte ich dann, wie auf Bazaaren und Märkten verschiedener Kulturen gehandelt wird und merkte, dass mein Vater eigentlich nur für Touristenverhältnisse ganz gut feilschen konnte. Komplizierter als bei solchen, eher offensichtlichen Unterschieden scheint mir aber die Körpersprache, beziehungsweise die Nähe, die ein Mensch einem anderen gegenüber einnimmt. Da reichte es erstaunlicherweise, in den „grossen Kanton“ zu reisen und mich dort mit einigen Menschen bekannt zu machen. Während in meinem Freundeskreis selbstverständlich ist, sich 3 Küsschen zu geben oder sich zu umarmen, auch wenn man sich erst gerade kennengelernt hat, so ist es dort eher normal und angebracht, sich die Hand zu geben. Geküsst wird, so wie ich das verstanden habe, nur Familie und enge Freunde, gekuschelt wird nur mit dem Partner. So weit vollends logisch. Aber für mich ist der klassische Händedruck ein Zeichen für Geschäftsabschlüsse und somit für Distanz. Es brauchte mich lange, bis ich mich daran gewöhnt habe, es nicht persönlich zu nehmen, dass ich „nur“ einen „kalten“ Händedruck erhielt von den deutschen Freunden und auch jetzt ist es für mich nach wie vor befremdlich, wenn ich Menschen, die sich vertraut sind, sehe, wie sie sich die Hand geben. Item, worauf ich hinaus will: nicht nur verschiedene Länder, Kulturen und Religionen haben unterschiedliche Grenzen, was Nähe und Distanz angeht, auch jeder Einzelne innerhalb dieser Sparten hat eigene Grenzen. Diese finden wir spätestens dann vor, wenn wir mit einem Partner intim werden. Wie schnell soll man sich da näher kommen? Wie viel ist erlaubt? Aber auch: wann ist genug? Wann ist es okay, nein zu sagen, den Partner/die Partnerin zu stoppen? Und wie geht man mit dieser Situation um? Dies sind durchaus keine rethorischen Fragen aber ich weiss, dass die allzusehr an „Dr. Sex“ und „Dr. Sommer“ erinnern. Ich stelle mir diese Fragen manchmal trotzdem, denn für mich sind meine Grenzen an einem anderen Ort als für meinen Partner. Ich kann mich auf seine Bedürfnisse einlassen und dabei einen Teil meiner Grenzen überschreiten, oder aber ich bleibe meinen Grenzen „treu“ und gehe das Risiko ein, dass mein Partner irgendwann nicht mehr mit Geduld und Einfühlsamkeit reagiert auf mein „Stopp“ oder „Nein“, sondern mit Irritation, Frust oder gar Wut. Es ist eine Gratwanderung, die vermutlich vielen Paaren in der einen oder anderen Richtung bekannt vorkommt und die viel Gespräche, Offenheit und Gesuld von beiden Seiten abverlangt. Das Schöne ist aber, dass es zwei Partner zusammen schweist und sie lernen, Krisen gemeinsam zu lösen. Genau wie in jedem anderen Lebensbereich ist es auch hier angezeigt, mit Rücksicht miteinander umzugehen. Ein Brasilianer, den ich kennenlernen durfte hat dies einmal vorbildlich gemacht: als wir uns kennengelernt haben in einer Sprachschule, hat er mich direkt mit offenen Armen aufgenommen, mich umarmt und mir einen Kuss auf die Wange gedrückt. Weil ich dies einfach nicht erwartet hätte (noch bevor überhaupt Namen genannt wurden umarmt zu werden) blieb ich wie angewurzelt stehen für eine Sekunde und muss ihn wohl etwas blöd angeschaut haben. Er entschuldigte sich sofort mit den Worten „oh entschuldigung, Kulturclash“. Er gab mir die Hand und stellte sich mit Namen vor. Dieses eigentlich absolut banale Erlebnis zeigt für mich so unglaublich vorbildlich, wie es sein könnte und meiner Meinung nach sein müsste. Achtsam durch unser Leben gehen und Rücksicht nehmen auf die Grenzen anderer aber auch von sich selbst.

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