nennen wir es Misverständnis

nennen wir es Misverständnis

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Donnerstag früh; müde vom Vorabend als ich Etienne traf. Gedanken an ihn wollte ich mir wirklich verbieten, denn – das kommt sicher schlecht, die Umstände sprechen ihre eigene Sprache.

Aber ich hatte ja ein Date ausgemacht. Botanischer Garten mit einem Mann, der unglaublich tolle Bilder schiesst und der mir deswegen auch ins Auge stach. Dem heutigen Date gingen viele lustige und unterhaltsame Chatabende voraus, in welchen wir oft auf ziemlich humorvolle Art über Sex sprachen, jedoch nie anzüglich – ich fand das enorm erfrischend und freute mich sehr, ihn heute live und in Farbe kennen zu lernen.

Abgeholt wurde ich auf einem Roller – ich bin nicht sehr begabt, auf motorisierten Zweirädern zu fahren aber na gut, es war ein wunderschöner Tag, warm und sonnig und somit echt tolles Wetter für einen Trip auf dem Roller in Richtung botanischer Garten. Da kriegte ich nicht nur eine Einführung in die Fotografie, sondern auch eine Erklärung der Gewächse und Tiere, die dort lebten und erhielt einen Einblick in die Fotos von Max. Es war beeindruckend und unterhaltsam, aber der Funke sprang eindeutig nicht über. Immer wieder kam unser Gespräch ins Stocken, und auffälliger weise drehte sich alles um ihn.

Er fragte nach einiger Zeit, als wir gerade beschäftigt waren, ein paar Schlangen zu beobachten, die es sich auf einem Stein in der Sonne gemütlich machten, ob wir was trinken wollten und ehe ich mich versah, sass ich wieder auf dem Roller und wir fuhren zu seiner Wohnung, in der ich mich wenige Minuten später auf dem Balkon einfand. Perplex über die dreiste Masche, wusste ich gar nicht, wie mir geschah, fühlte mich, als würde ich total neben mir stehen und war geschockt darüber, mit welch einer Leichtigkeit er mich gerade in seine privaten 4 Wände gelotst hatte. Dennoch genoss ich den Ausblick von seinem Balkon über die Stadt, denn der Blick war wirklich grossartig. Man befand sich am Rande des Zentrums, etwas erhöht, sah über die Stadt, konnte den See sehen,  genoss die Ruhe… Aber das Gespräch wollte nach wie vor nicht wirklich ins Rollen kommen und ich war etwas überfordert mit der Situation, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, dass da eine Forderung an mich im Raum hing, die ich nicht recht greifen konnte. Das Glas Wasser geleert, fragte er mich alsbald auch, ob er mich massieren dürfte. Naiv wie ich war, willigte ich ein, denn ich dachte, er wolle mir einfach den Rücken massieren, und ich mag Massagen. Fertig mit dem Rücken in nur 3 Minuten (klingt schon fast wie eine Werbung für Rückenenthaarung oder so…) fing er an, mir meine Hose auszuziehen und ich war so geschockt, dass ich mich in einer Schockstarre befand. Ich wollte nicht, dass er mich auszog, denn ich fühlte mich mal so überhaupt nicht wohl in dieser Situation. Dennoch – ich konnte mich nicht wehren, so war dann auch bald die Hose weg, die Beine eingeölt und seine Hose auf… Ich zitterte am ganzen Körper, denn ich hatte Angst vor dem, was sich anbahnte. Wie kam es denn bloss soweit? Musste ich mir das gefallen lassen? Woher kommt dieses forsche Auftreten von ihm? Warum denkt er, dass er das alles einfach so darf? Ich wollte schreien, dass ich das nicht wollte – was raus kam, war ein heiseres, beinahe geflüstertes „Nein, bitte nicht“. Er hielt inne, und schaute auf mich herunter. Ich versuchte mich nun auf den Rücken zu drehen, ohne allzu viel von mir preis zu geben, wich seinen Blicken jedoch aus, denn ich wollte seine Reaktion auf meinen Körper nicht sehen. Ekel überkam mich, als ich mir bewusst wurde, welche Forderung im Raum stand und mein Körper fing umso mehr zu zittern an. Zu meinem Glück legte er sich neben mich, seufzte und meinte „du bist echt unglaublich scheu und mühsam“. Ich errötete, fühlte mich ertappt und war nun überzeugt, dass ich ein Date eingewilligt haben musste, das mehr umfasste als bloss einen harmlosen Spaziergang. Für mich war nun klar, dass ich wohl etwas missverstanden hatte, es meine Schuld war, dass er nun enttäuscht war und somit hatte ich keine Ahnung, was ich denn nun tun sollte. Im Nach hinein wäre das definitiv der Moment gewesen, weg zu rennen und das Weite zu suchen, aber mein Schuldgefühl übermannte mich.

Sex konnte ich beim besten Willen nicht einwilligen, soweit wollte ich echt nicht gehen – es sollte also irgendwie anders gehen. Widerwillig habe ich beschlossen,  ihm wenigstens irgendeine Art der Befriedigung zu verschaffen und machte mich mit einem wahnsinnig flauen Gefühl im Bauch ans Werk. Mein Körper fing wieder an zu zittern (oder hat er gar nie aufgehört?), ich hätte mich am liebsten wieder bedeckt aber dazu waren meine Klamotten zuweit weg. Mein Ansinnen war also, alle Register zu ziehen und es so schnell wie möglich hinter mir zu haben, was quittiert wurde durch ein „na wenigstens etwas“ als ich fertig war. Nun fühlte ich mich erst recht erniedrigt, richtig schlecht und total ausgenutzt. Dennoch stand ich so unglaublich neben mir, dass ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte. So nahm ich ein Glas Wasser dankend entgegen, spazierte mit ihm zum Bahnhof und ergab mich seinem Plan, der zum Glück nur noch umfasste, mir ein Eis zu kaufen und dann zu gehen.

Lange wusste ich gar nicht, was ich nun tun sollte. Wie angewurzelt blieb ich auf der Stelle stehen, auf der ich verlassen wurde und starrte ins Leere. Ein Blick auf mein Handy machte es leider nicht besser, denn da fand ich eine Nachricht vor, die mir noch den letzten Rest meiner Würde und meines Selbstwertes klaute: eine „Freundin“ liess mich wissen, dass ich ein Nichts sei für sie, dass sie nichts mehr von mir wissen wolle, denn ich sei eine Belastung für sie durch meine Krankheit. Nun war ich völlig am Boden zerstört, fühlte mich gar nicht mehr und kann auch nicht sagen, wie lange ich so reglos und total dissoziiert in der Menge des vom Feierabendverkehr nur so wuselnden Ameisenhaufen eines Hauptbahnhofes stand. Ich musste vermutlich dutzende Ellbogen entnervter Pendler abgekriegt haben, ein Verkehrshindernis der Extraklasse dargestellt haben und vermutlich habe ich gewirkt wie ein Psycho, wie ich so ins Leere starrte.

Wie ein Geschenk vom Himmel kam mir die Nachricht meiner Cousine vor: mein Handy vibrierte und holte mich in die Realität zurück. „Essen heute Abend?“, war auf meinem Bildschirm zu sehen – nur zu gern willigte ich ein, und wenn es nur Ablenkung war. Träge setzte ich mich in Bewegung, als ob mein Körper erst wieder lernen müsste, wie man sich überhaupt bewegt. In einen überfüllten Zug mit einzwängend hätte ich am liebsten alle Menschen weit von mir gestossen, da ich einfach alles wollte, bloss nicht Körperkontakt. Wieder vibrierte mein Handy und die fatale Frage „Wie gehts dir?“ war ersichtlich. Von keinem geringeren als Etienne… ausgerechnet. Was sollte ich denn nun schreiben? Die Wahrheit? Irgendwie hatte ich das Verlangen, jemanden wissen zu lassen, was da geschehen war, wollte gehört und gesehen werden. Dennoch: ausgerechnet er? Bis meine Gedanken allerdings zu einem Entschluss gekommen waren, hatten meine Hände wohl schon die ganze Geschichte getippt – scheint so, als hätten sie für mich entschieden. Ich zitterte – aus Angst vor seiner Reaktion (Was, wenn er mir Vorwürfe machen würde, oder alles banalisierte?) aber auch weil ich die ganze Situation nochmals durchlebte durchs Tippen. Gebannt starrte ich auf mein Handy und war in der paradoxen Situation, dass ich wissen wollte, was er schrieb, es kaum abwarten konnte, seine Antwort zu erhalten, aber gleichzeitig von der Angst überwältigt war, was er denn antworten würde. Mein Herz schlug wie wild als seine Antwort kam und liess mich beinahe  in Mitten der Pendler zusammenbrechen, denn er machte nicht einmal die Andeutung auf einen Vorwurf; im Gegenteil: er kümmerte sich um mein Wohlergehen, wollte wissen ob er was tun könnte und liess mich wissen, dass er mich nicht geringer schätze, wegen dieser Situation. Dies half mir, meine Erfahrung realistisch und richtig einzuschätzen; zu merken, dass mein Gefühl, dass mir Unrecht angetan wurde und ich zu recht fühlen durfte, wie ich mich fühlte absolut legitim war, tat unglaublich gut. Umso schlimmer übermannte mich nun aber die Scham über diese Ereignisse und die Ironie, dass ich nur wenige Tage zuvor schon einmal geschworen hatte, mich nie wieder in eine solche Situation zu begeben.

Noch heute frage ich mich, wie es zu dieser Situation kam? War er wirklich einfach total haltlos oder liess ich ihn durch unseren Chatverlauf falsche Hoffnungen hegen, bzw habe ich die Nachrichten von ihm dermassen missverstanden? Ich werde es vermutlich nie erfahren und bin darüber auch durchaus froh – denn nie wieder würde ich mit diesem Mann Kontakt aufnehmen wollen.

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