Phänomen Klatschen

Phänomen Klatschen

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Als ich gestern Abend allein zu Hause war, mir echt langweilig war und ich sowieso nicht wusste, was ich tun sollte, fragte mich ein Freund, ob ich mit ihm das Spiel der EM anschauen würde…? Alternativ war in unserer Nähe gerade auch noch ein Stadtfest mit einem ziemlich imposanten Feuerwerk – wir könnten also auch das anschauen…

Feuerwerk… hm, das war mir dann doch ein klein wenig zu Romantikbehaftet: viele knutschende, frisch verliebte Paare, die sich so eng umschlungen halten als würde das Leben davon abhängen, den Partner nicht los zu lassen… Nein, danke, kann ich zur Zeit grad gut drauf verzichten.

Also ab zum Public viewing – Deutschland gegen Italien und wir mitten drin. Allerdings… fielen wir ziemlich aus dem Rahmen: nicht nur, dass wir deutlich zu spät erst da ankamen, erst mal genüsslich noch was assen bevor wir überhaupt in die Arena hinein gingen und uns da dann mehr unterhielten als dass wir das Spiel schauten… Wir waren eigentlich nicht wirklich für eine der beiden Mannschaften, sondern nutzten nur die Atmosphäre, um uns ein wenig abzulenken von.. Stress mit Ex-Partnern, möchtegern Partnern, Kumpels die einen gerade in den Wahnsinn treiben und kleinen Wonneproppen, die einem auch mal gehörig an die Substanz gehen können. Wie die ollsten Klatschbasen sassen wir nun also mit Bier und Cola bewaffnet an unserer Ego-Festbank und tauschten Chat-Verläufe aus, versuchten, Prognosen und Interpretationen für Unstimmigkeiten zu finden, gingen Szenarien von Pontius bis Pilatus durch… Nur um immer mal wieder erschrocken aus unserer eigenen kleinen Welt gerissen zu werden, wenn um uns herum wieder alles aufsprang und johlte, kreischte oder wütend auf den Tisch schlug. Amüsiert über unser eigenes „Fehlverhalten“ an einem solchen Event, schauten wir dann mit der Zeit doch etwas genauer hin (also, bei der Nachspielzeit und der Verlängerung dann soo…. ^^) Da mir Fussball aber echt nichts sagt, war ich auch dann eher damit beschäftigt, Verhalten zu studieren, als das Spiel zu verfolgen.

Da war zum Beispiel ein Italien-Fan, der immer wieder aufsprang, wenn der Spieler für Italien beim 11Meter den Ball versenkte, und mit seiner Tröte ganz viel Lärm veranstaltete. Allerdings, hatte er dabei den Blick auf die anderen Fans gerichtet, so als würde er zeigen wollen, dass er nicht für sich und als Ausdruck seiner eigenen Freude Lärm veranstaltete, sondern weil er an die anderen dachte und für diese Stimmung machen wollte. Echt ein lustiger Anblick.

Mit der Zeit war auch irgendwie klar, wer Deutschland und wer Italien favorisierte (in der Schweiz gibts wohl von beiden ungefähr gleich viele), da die Italienfans jeweils richtig laut wurden, während die Deutschlandfans in ihrer ganz typisch deutschen, etwas unterkühlten Art, aufsprangen und klatschten; kein Johlen, keine VuvuZelas, keine Trillerpfeifen oder sonst was, was richtig Lärm machen könnte.

Wir entschieden uns dann, Partei für Deutschland zu ergreifen und klatschten also mit, wenn denn ein Deutscher mal wieder einen Ball ins Tor schoss, oder ein Italiener es schaffte, daran vorbei zu schiessen. Dabei kam ich allerdings bald darauf, unser eigenes Verhalten zu analysieren und musste schmunzeln, dass wir doch tatsächlich klatschten und eine Mannschaft anspornten, obschon diese sich überhaupt nicht in unserer Nähe aufhielt und es denen eigentlich sowas von sonst wo vorbei geht, ob ich nun da stehe und meine Crepe esse oder ob ich da stehe und klatsche. Hören tun sie es ja eh nicht (und wenn die mal im Nach hinein wissen wollen, wie es in den Publicviewings aussah als ihr Spiel lief, dann wird ein kleines, wenn auch feines, Publicviewing in der Schweiz ganz sicher nicht ihr Ziel sein. Amüsiert darüber, fing ich an fest zu stellen, dass wir eigentlich noch oft an lustigen Zeitpunkten klatschen oder eben nicht klatschen..

Das Phänomen Fliegen zum Beispiel: Der Pilot landet das Flugzeug, die Räder sind wieder auf dem Boden aufgekommen, die Passagiere klatschen. Wozu? Es ist sein Job, das Flugzeug zu landen. Hoffendlich kommen wir wieder in einem Stück am Boden auf, denn dafür wird der ausgebildet, geschult und bezahlt. So sollte man meinen. Zumal viele Passagiere klatschen, völlig egal wie gut die Landung war. Wenn sie wenigstens nur klatschen würden, wenn man es fast nicht gemerkt hat, wie sanft die Räder am Boden aufkamen und völlig gleichmässig, so dass das Ruckeln auf ein absolutes Minimum reduziert wäre… Oder nur dann, wenn der Pilot das Flugzeug noch landet obschon ein Triebwerk in Flammen steht, die Druckabfallsmasken aus den Fächern oberhalb der Sitze fielen und die Sicht auf die Piste durch dichten Nebel verdeckt ist… Aber gut, wir klatschen. Und die Piloten, lasst euch das gesagt sein, hören garnichts davon. ^^

Anders wiederum das Phänomen, wenn man in einer Kirche ein Konzert horcht. Es muss nicht einmal verbunden sein mit einem Gottesdienst. Allein das Setting reicht, dass alle gebannt der Stille lauschen, die sich zwischen Beitrag eins und Beitrag zwei breit macht, denn keiner würde sich getrauen, Lärm zu machen an einem so heiligen Ort. Ausser die Musiker natürlich, die müssen ja, die sollen ja, deswegen ist man ja da. Und iiiirgendwan, kurz vor Schluss, wenn eigentlich schon fast alle Stücke gespielt sind, fast alle Beiträge durch sind, gibt es plötzlich eine mutige Person, die es wagt, in die Stille hinein zu klatschen. Und dann, wie ein Lauffeuer, verbreitet sich das Klatschen durch die ganze Kirche und alle sind froh um den Edelmann, der sich überwand, der erste zu sein, der die Stille durchbrach. Schade eigentlich, dass man das nicht von anfang an tut, denn DA sind ja die Musiker wirklich vor Ort, HÖREN einem und würden sich freuen über den Applaus, den sie kriegen. Nur genau in dem Moment sind wir irgendwie gehemmt…

Applaus, Applaus… Das müssen wir wohl noch etwas üben ^^

 

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