Selbstwahrnehmung / Fremdwahrnehmung

Selbstwahrnehmung / Fremdwahrnehmung

eingetragen in: Dies und Das | 5

Neulich hatte ich eine wundersame Begegnung mit einer flüchtigen Bekannten. Dazu muss man vielleicht erklären, dass ich diese Frau kurz getroffen habe bei Freunden und mich auf Anhieb ganz gut mit ihr verstand. Wir tauschten unsere Nummern aus, als sie sich auf den Rückweg nach Deutschland machen musste und hatten fortan auch gute Unterhaltungen.
Ermutigt dadurch, habe ich gerne eingewilligt, als sie fragte, ob sie für ein paar Tage zu mir kommen könne und ich ihr Zürich zeigen würde. Ehrlich gesagt fühlte ich mich sogar etwas gebauchpinselt, denn in meinem Umfeld kommt selten jemand freiwillig zu mir, da bin immer eher ich die, die zu anderen geht..
Ich bin leider auch keine geborene Gastgeberin und weiss, dass ich viel Zeit für mich brauche, nur irgendwie vergass ich das zu der Zeit gerade total, und freute mich einfach bloss, dass sie zu mir kommt.
Der Tag ihrer Anreise kam, wie er kommen musste: sehr stressig. Natürlich überschlugen sich die Ereignisse, bevor sie ankam:

ich hatte bloss 3 Stunden Schlaf erhalten (ok, man sollte vielleicht auch nicht auf die ultimative Idee kommen, die Nacht vorher aus zu gehen, wenn man ja weiss, dass die Wohnung Kopf steht und ich noch waschen sollte ect… ok, das hätte ich bleiben lassen sollen, aber es war so verlockend und tat so gut, endlich mal wieder raus zu gehen, einen Abend zu feiern, bis in die Puppen wach zu bleiben… und den Kopf von einigen unliebsamen Ereignissen für ein Paar Seelige Stunden einfach frei zu kriegen. naja, ok zugegeben: selbst schuld, aber ich bereue es nicht). Ich war nun also total übermüdet und sollte eine Schulklasse pubertierender Jugendlicher begleiten zu einem Klettertag. Alles in allem ein bombastischer Tag, bloss dachte ich eigentlich, dass ich da nur am Morgen gebraucht würde und nachmittags dann noch Zeit hätte, all meine Sachen zu Hause zu erledigen, um die Wohnung auf Vordermann zu bringen, wenn ich ja jemanden zu Gast kriege. Weit gefehlt: um 16:30 kam ich dann doch endlich zu Hause an, nachdem ich allerdings meinen Einsatz gedankt gekriegt habe durch eine Horde Teenager, die glänzende Augen hatten, weil sie die Zeit so genossen und sich freuten, dass sie diesen Ausflug machen konnten. Echt ein tolles Gefühl 🙂
Zuhause angekommen hatte ich dann also 45 Minuten um… jaaaaa… ALLES zu machen: Wäsche waschen, aufräumen, putzen, saugen, Bett frisch beziehen… Ja das war vielleicht eeeetwas wenig Zeit, zugegeben ^^. Stolz stellte ich am Ende fest, wenigstens fast alles geschafft zu haben, eine Wäsche war noch in der Waschmaschine und musste ich später dann noch in den Trockner befördern… aber hey, eigentlich nicht schlecht, diese Billanz..? (Habs, ganz Frauen getreu, sogar noch geschafft, mir eine Frisur zu machen, die einigermassen aussieht und mich geschminkt 🙂
Nun ab ins Zumba und voller Vorfreude dann meine Bekannte treffen. Und schockiert sein ab Minute eins. Ok, ich hatte wenig Schlaf und viel Stress, also könnte mein Nervenkostüm ein klein wenig angekratzt sein… aber ich glaube, die folgenden Tage wären für viele nicht einfach gewesen – für mich jedenfalls waren sie die Mutter aller Herausforderungen ^^
5 Minuten bevor ich hätte da sein sollen um sie abzuholen, schreibt sie mir bereits eine herrische Nachricht, wo ich denn sei, sie sei schliesslich schon hier und würde ungerne warten. Bitte? Ich bin immer überpünktlich, an dem einen Tag nun allerdings, war ich für einmal einfach bloss pünktlich oder sogar 1 Minute vor der planmässigen Ankunft vor Ort. Naja, ich tat es mal ab mit „die war bloss nervös oder hatte ne schlimme Fahrt“.
Ganz den erfreuten Gastgeber imitierend habe ich dann nach ihrer Befindlichkeit gefragt und wie die Reise war… Ich konnte ja nicht ahnen in welch ein Disaster ich mich hier wieder hinein manövrieren würde:
Es folgte eine 20 Minütige Hass-predigt über die Flüchtlingspolitik der lieben Angie, über die „drecks Moslems“ die das Land unterjochen würden und dass sie sich nun nicht länger sicher fühlen würde dort. Hier sei nun angemerkt, dass sie selber nicht Deutsche ist, ihr Freund Türke und Moslem ist und sie gedenkt, ihn demnächst zu heiraten. Nun bin ich leider nicht in der Verfassung gewesen, auf den Mund zu hocken – ok, weiterer böser Fehler – es folgte damit eine lange Diskussion darüber, warum Flüchtlinge nichts mit Migrierten Arbeitern zu tun hätten (ok, das stimmt vermutlich, denn die einen haben eine Wahl, täglich ihre Arbeit künden zu können und in ihr Heimatland zurück zu kehren, dort neu anzufangen und nicht um ihre Sicherheit zu bangen, die anderen wohl… eher nicht – ah nein, entschuldigung, so war das ja eben nicht gemeint… ) Daneben ging es im gleichen Stile darum, warum Moslems eben scheisse seien aber ihr Freund halt nicht und er so ein guter sei aber eben die Ausnahme und alle anderen seien dumm, richtig gehend engstirnig, begriffsstutzig… Natürlich, selbstverständlich, immer doch.
Total entnervt über diese zweistündige Tortur, die ich echt zeitweise fast schon lachhaft fand, war ich froh, dass wir abends nicht bei mir waren, sondern eine gemeinsame Bekannte trafen und somit mal ein Waffenstillstand eintraf.
Die nächste Eskapade liess allerdings nicht lange auf sich warten. Ich besitze zwei Katzen, die leider alles andere als schmuse bedürftig sind. (Sehr zu meinem Leidwesen, denn ich würde die gern ab und an mal knuddeln..)
Nunja, sie kam in meine Wohnung und jagte erst mal meinen Katzen hinter her und herzte sie innig. Ach wie hätte ich mir gewünscht, dass meine Katzen sich einen Abend nicht ganz so gut erzogen gegeben hätten und… ah nein, ich bin eine liebe und zuvorkommende Gastgeberin – also pfui, böser Gedanke. ^^
Die Katzen zahlten es ihr zu meinem Amüsement allerdings heim, indem sie ihre Leckerli verschmähten, die angeblich alle Katzen lieben würden… meine sind wohl anders, aber das ist ja nichts neues und das passt ja auch: ich bin auch anders 🙂
Naja und so ging es dann auch weiter: ich soll mir ein neues Sofa anschaffen, weil das sei ja schrecklich, entweder hätte ich das schon lang nicht mehr gesaugt oder man würde ja total schnell die Haare der Katzen sehen da drauf!! – ah echt? Wieder was gelernt: Katzenhaare, die sich in der Wohnung so ziemlich überall niederlassen, achtung, das hättet ihr nie gedacht: die kommen von Katzen! Wow, die Erleuchtung des Tages.
Ok, lächeln, freundlich bleiben und diplomatisch erklären, dass ich einfach noch kein helles Sofa gefunden hätte, das mir gefallen würde. (und sich denken, dass ich einfach ein Möbel solang behalte, wie es noch intakt ist, da ich nicht einsehe, es vorher auszutauschen…)
Es kam dann noch zur Diskussion, dass ich, einfach nur weil ich aus der Schweiz bin, natürlich und selbstverständlich Geld wie Heu habe und sie sich dann guten Gewissens von mir aushalten kann. Natürlich, ist doch kein Ding, ich bezahl gern dein Essen, deine Getränke, lasse mir erklären, welche Marken von Parfüms toll sind, übernehme das Parkticket für 7Stunden Parking in Zürich… selbstverständlich bezahle ich dir an einem strahlend sonnigen Tag, an dem jeder gern in den See spränge auch 100.- dafür, dass DU rein springst, weil was sind denn schon 100.- für mich? Ich hab ja Geld wie Heu, Peanuts also. Zudem habe ich auch Verständnis dafür, dass man mir um den Kopf haut, dass ich selbst schuld bin, dass meine Letzte Beziehung den Bach runter ging, denn man ist ja schliesslich nicht so blöde und lässt sich mit jemandem ein, der bereits ein Kind hat. Stimmt, wie dumm von mir, das verändert den Charakter einer Person natürlich plötzlich schrecklich, lässt ihn sich total verändern und zu einer nicht mehr liebenswerten und von niemandem jemals wieder zu liebenden Person werden. Na, wieder was gelernt. Wie dumm von mir aber auch, dass ich das nicht früher bedacht habe. In Zukunft sollt ich mich wohl gleich von ihrer Weisheit leiten lassen, dann ende ich in einer Beziehung mit einer Person, die einer Religion angehört, die ich nicht ausstehen kann, das ist sinnvoll.

Dazu sei dann noch angemerkt, dass sie selbst lange gebraucht hat um ihre Berufung zu finden, dann aber eines Tages die Erleuchtung hatte, dass sie echt gut mit Menschen umgehen kann und darum nun in der Pflege tätig ist. Ok, wir lernen also, dass vermutlich echt ich die Person mit dem Dachschaden bin, denn anders ist es wohl nicht zu erklären, dass hier so unterschiedliche Selbst- und Fremdwahrnehmungsbilder existieren. Dass sie die Einfühlsamkeit in Person ist und gut mit Menschen umgehen kann beweist sich ja auch dadurch, dass sie mich mehrfach fragte, was denn eine Depression sei, wie sich das anfühle oder wie ich erkannt hätte, dass ich ein Burnout gehabt hätte –  nur um nach meinem ersten einleitenden Satz, noch um Worte ringend, mich zu unterbrechen mit wichtigen Infos wie „wow hast du gesehen wie schön es hier ist?“ „Du wo kann man hier denn gut shoppen? Aber bitte günstig, also weist du, ich möchte ein typisches Schweizer Souvenir, am liebsten eine Uhr…“ Ja, taktvoll. Freilich…
Joa, umso mehr geniesse ich es nun gerade, ganz allein und mit dunklen Hosen auf meinem Sofa zu sitzen, hier etwas zu lästern und dabei meine Katzen zu streicheln, die nun wieder aus ihren Löchern hervor gekrochen kommen. Dabei schlürfe ich meine Cola (wie verwerflich im übrigen: die hat total die Kalorien!!) und futter Kekse (wie kann ich das bloss, die sind Hüftgold Pur!!).

Ja welch eine Freude, morgen dann noch ein Trip zur deutschen Post, denn sie hat ihre Chlorellaalgentabletten bei mir vergessen und braucht die dringend. Selbst verständlich, kein Problem, immer gern. Aber erst mal endlich meine Wäsche bügeln und Falten, die ich eigentlich doch schon vor einigen Tagen verräumen wollte, hätte ich bloss mal Zeit gehabt…

Ich wurde bestens unterhalten – zumindest retrospektiv. Und ich hoffe, euch auch das eine oder andere Schmunzeln abgerungen zu haben 🙂

5 Antworten

  1. Patrick H.
    | Antworten

    Erstaunlich, wie der erste Eindruck trügen kann. Schön, dass Du so geduldig und diplomatisch warst. Ich wäre ausgeflippt und hätte sie durch die geschlossene Tür nach draussen geworfen (naja, wenigstens hätte ich es mir bildhaft vorgestellt) 🙂
    Hast Du britisch Kurzhaar, oder was sind das für Katzen?

    • lyrenorva
      | Antworten

      Ja das hab ich mir eigentlich auch mal gewünscht und vorgestellt… Aber ja, bin da echt zu lieb. ^^

      • Patrick H.
        | Antworten

        Wer beruflich Pubertierenden-Dompteur ist hat ja eher mehr Erfahrung sich zurückzunehmen und es nicht eskalieren zu lassen 🙂

        • lyrenorva
          | Antworten

          Haha ja das könnte sein ^^ aber dennoch wäre es so ab und an ganz lustig, mal undiplomatisch zu sein – eltern zu sagen, dass es ihre verdammte schuld ist, wenn sie ihr kind nicht erziehen und dies dann dw in der schule schlechte noten hat und ein miserables benehmen…. Naja und statt dessen sollte man ja stur lächeln und winken… Oder so ^^

          • Patrick H.
            |

            Auch das ist Kraft / Stärke 🙂

Bitte hinterlasse eine Antwort