Stationär?

Stationär?

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Haben Sie sich schon mal überlegt, in eine Klinik zu gehen um sich helfen zu lassen?

Erstarrt vor Schreck schaue ich meine Therapeutin an. Bisher habe ich diesen Vorschlag schon oft von meiner Familie und ein paar Freunden gehört, die ungeduldig hofften, dass es mir endlich gut geht, und die dachten, dass ein stationärer Aufenthalt in etwa damit zu vergleichen wäre, dass ein Auto in die Werkstatt gebracht wird zur Reparatur: kommt es da wieder raus, ist es wieder fahrtüchtig und erstrahlt in neuem Glanz. 

Dies nun aber auch von meiner Therapeutin gefragt zu werden erschüttert mich, denn ich frage mich, ob sie mich los werden will, ob ich ihr zuviel werde, ob ich ein hoffnungsloser Fall bin, sie am Ende ist… ich schäme mich. Ich will es doch gut machen. Ich will ein guter Klient sein, eine Patientin, auf die man stolz sein kann.

In mir schreit etwas auf, weigert sich standhaft, die Option auch nur in Betracht zu ziehen. Irgend etwas in mir will nicht wissen, wie es da wäre, hat panische Angst vor einem eventuellen Aufenthalt in einer stationären Einrichtung.

Erinnerungen an Lager werden wach. Von meinen Eltern spürte ich jeweils die implizite Forderung, da gefälligst teil zu nehmen und ich war zu schüchtern um zu sagen, dass ich das nicht wollte.

Wir waren 9 Mädchen in meiner Klasse, es ging ins Lager, mal wieder. Ich sass in meinem eigenen Abteil im Zug, hörte, wie die Mädchen gerade über eine Lyren “weisst du, die von *** (dem Nachbardorf)“ lästerten, es war aber klar, dass es im Nachbardorf keine zweite Lyren gab. Ich war gemeint. So horchte ich also den Lästereien über mich und liess sie über mich ergehen. Bis mein Lehrer kam und mich unsanft aus meinem Abteil zerrte und mitten in die Herde der Mädchen setzte, die gerade in schallendes Gelächter ausbrachen wegen einem Witz über diese andere Lyren. Gelächter wich angespannter Stille, angeekelte Blicke frassen mich auf. Der Rest der Fahrt verlief toten still, keiner sagte was, es dauerte ewig. Es entgingen mir jedoch nicht die Gestiken der anderen: Nase zuhalten – gekicher – Augen verdrehen – gekicher – würgebewegungen am Hals – hämisches Grinsen. Ich wusste, das war erst der Anfang.

Diese Erinnerungen lebe ich ungern durch, aber der Gedanke an eine Klinik schürt diese Gedanken, facht sie an wie der Wind die glimmende Kohle. Die Erinnerungen schreien in mir, mein Atem wird flach, ich sehe nichts mehr, kann nicht mehr denken, Bilder kreisen im Kopf…

“wo sind Sie gerade?“ 

Ich wünschte ich könnte antworten, aber das Aussprechen der Taten von damals, die Erinnerungen zu verbalisieren würde sie nur umso lebendiger machen. Verzweifelt versuche ich, sie wieder in die Schublade zu packen, weg zu stellen.

Tränen strömen über mein Gesicht. Ich will meiner Therapeutin antworten, ehrlich sein, erzählen davon, aber ich kann nicht, ich bin ein Versager. Nichts kann ich. Die Erinnerungen sind stärker als meine Kraft, sie zurück zu drängen, und verbalisieren kann ich sie nicht weil ich zu feige bin. Eben ein Nichtsnutz. Nicht einmal therapieren lassen kann ich mich.
Entnervt ab mir selbst wische ich die Tränen weg, will dass wenigstens sie versiegen, aber auch die sind stärker als ich. Alles ist übermächtig. Mein ICH ganz klein am Boden in eine Ecke gedrängt.

Genau wie damals… ein Ball prellte auf mich ein, ich wich aus, machte einen Schritt zurück, und noch einen, bis die Wand in meinem Rücken war und ich nicht mehr weiter konnte. Der Ball flog wieder und wieder auf mich ein, traf er mich, hörte ich freudiges Jubeln und eifrigen Beifall, Gejohle ging durch die Menge und der, der den Treffer gelandet hatte wurd bejubelt. Weiter gings, wieder Bälle die auf mich einprasselten, ich gab auf. Kauerte mich zusammen, wartete ab. Hoffte, dass es vorüber ging. Und wusste nur noch, dass irgendwann der Lehrer zu mir kam und mich anherrschte, warum ich denn zusammengekauert in der Ecke sässe und nicht an meinem Platz, die Stunde hätte schliesslich begonnen… ich öffnete die Augen und sah die grinsenden Mitschüler. Ich raffte mich auf und hoffte, dass ich den Rest des Morgens in Ruhe gelassen werden würde.

… irgendwie komme ich wieder zu mir in dem Moment. Bin ganz leer, kraftlos. Aber wenigstens sind die Erinnerungen nun weg, liessen von mir ab. Ich kann wieder atmen.

Nein, eine stationäre Therapie kommt zur Zeit nicht in Frage. Ich weiss es. Nur wie erkläre ich das meiner Therapeutin?

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