Sven

Sven

eingetragen in: Nachdenkliches, Telenovela | 0

Nach einigen Wochen des ziellosen Tippens mit Männern, in denen meine Ansprüche immer mehr sanken, da ich zunehmends verzweifelt war, kam dann endlich die Erlösung.

Sven war ein Mann, der als Fahrradmechaniker sein eigenes Geschäft eröffnete, was mich faszinierte, denn es bedarf viel Mut, dies zu tun und sich so irgendwie wirklich durch eigenen Einsatz über Wasser zu halten. Daneben war er noch Experte bei Lehrabschlussprüfungen und das gab uns viel Gesprächsstoff. Ich merkte, wie mein Interesse an den Anderen immer mehr in den Hintergrund trat und ich mich immer mehr einfach nur interessierte dafür, ob er schrieb oder nicht. Relativ bald wollte ich wissen, wer sich hinter diesem sehr freundlich anmutenden Mann versteckte und überlegte hin und her, ob ich nun nach einem Date fragen sollte. Denn, wie wirkt das denn? Kommt das nicht etwas verzweifelt rüber, wenn ich da in die Offensive gehe? Andererseits erschien er mir sehr schüchtern und ich konnte mir gut vorstellen, dass von seiner Seite aus so schnell keine Anfrage auf ein Treffen käme. Ungeduld in Person, wie ich es bin, nahm ich also meinen Mut zusammen und fragte nach, im Wissen, dass es mich sehr verletzen würde, wenn er absagen würde. Nicht nur, weil es grundsätzlich unprickelnd ist, von jemandem eine Abfuhr zu kassieren… Ich war auch einfach bereits wieder zu sehr fixiert auf ihn und mein Selbstwert lag in seinen Händen.

Ich fühlte mich wie auf Wolke 7 als er zu einem Date zusagte und wir uns nicht lang darauf endlich sahen. Ich liebe es, mich heraus zu putzen und war den ganzen Tag damit beschäftigt, mir Gedanken zu machen, was ich anziehen könnte, was gut wirkt, was zu viel ist, was wohl dann wieder zu wenig ist… Typisch Frau ^^ Selfies in verschiedenen Outfits wurden an Freundinnen geschickt um abzugleichen, ob ich nun total drüber bin, oder die Kleidung passend ist (ich habe einen Hang dazu, mich irgendwie zu posh zu kleiden. Nicht weil ich selbst auf Luxus stehe, sondern weil ich mir irgendwie in Kleidern gefalle, gerne hohe Schuhe trage und mich schminke… die Kombination wirkt dann allerdings oft einschüchternd oder gar billig…).

Unser erstes Treffen war toll. In einem Restaurant, bei Kerzenschein… einfach das typische erste Date, wie man es aus dem Film kennt. 🙂 Die Zeit verflog im Nu und wir wurden zum Schluss vom Personal ziemlich unsanft aufgefordert bitte zu bezahlen und zu gehen, weil sie schliessen wollten. Völlig verstört und aus unserer kleinen Traumblase fallend, hasteten wir also aus dem Lokal und hielten Krisensitzung, denn keiner von uns wollte bereits nach Hause. Nach kurzem Hin und Her wurde unser Date in eine Bar verlegt in der wir Billard spielten, uns weiter unterhielten und erst aufbrachen, als wir von unserer Müdigkeit überwältigt wurden.

Es war für mich unglaublich erfrischend, jemanden kennengelernt zu haben, der mich nicht bedrängte, schon beim ersten Date, der sich so lang einfach mit mir unterhalten konnte, über Reisen, seine Passion für den Radsport, mein Interesse am Tanzen… Ein zweites Date folgte spontan am nächsten Abend, da beide offenbar noch nicht genug hatten voneinander. Diesmal trafen wir uns direkt in der Bar und machten so eigentlich da weiter, wo wir am Abend zuvor aufgehört hatten: Billard, reden, Bier trinken beziehungsweise in meinem Falle Cola… mit der Zeit immer mehr sehr tiefe Blicke, und das prickelnde Verlangen, dem Anderen näher zu kommen, dabei aber auch die Angst, ob der Andere das vielleicht garnicht will… Was, wenn man einem Mann näher kommt und dann fest stellt, dass der eigentlich mit der vorherigen Distanz ganz happy war und nicht mehr will, als einfach nur nette Abende? Wieder ging der Schritt letzten Endes von mir aus: wir sassen an der Bar, die Hände waren eigentlich nur Centimeter voneinander entfernt… Aber es schien, als wären da unüberwindbare Distanzen zwischen uns. Langsam, Millimeter für Millimeter rückte ich meine Hand in seine Richtung. Natürlich möglichst „unauffällig“ was ja auch total aufging, denn eigentlich war das Gespräch in dem Moment verstummt, als meine Hand sich zu seiner bewegte, und beide starrten wir gebannt auf meine Finger, die sich versuchten, zu seinen vor zu tasten… Blicke haschten zum Anderen, und jeder wich dem Blick des anderen sofort aus, wenn er merkte, dass bemerkt wurde, dass er … ach gott, ihr wisst was ich sagen will: es war die typische Situation, wie sie so oft stattfindet, kurz bevor die Anspannung der Erleichterung weicht, dass beide sich eigentlich nahe kommen wollen. Unsere Hände streiften sanft über einander, erkundeten sich gegenseitig, und plötzlich zog er sich zurück. Ich war erschrocken, hatte Angst, dass ich alles falsch verstand… Mein Herz pochte mir bis zum Hals und ich wollte mich gerade entschuldigen und meine Sachen packen um der peinlichen Situation zu entfliehen, als seine Erklärung kam: es war ihm zu öffentlich. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen, Erleichterung breitete sich aus und ich war froh, das nicht ICH der Grund für sein Unwohlsein war, sondern das Setting. Er nahm mich bei der Hand und führte mich nach draussen, wo plötzlich und völlig ohne Vorwarnung unsere Lippen auf einander trafen und sich unsere Körper aneinander schmiegten… und sich für die nächsten 3 Stunden nur noch trennten, um der fröstelnden Kälte in sein Auto zu entfliehen. Wir waren in unserer ganz eigenen Welt und erst, als wir irgendwann feststellten, dass wir wohl noch das letzte verbliebene Auto auf dem Parkplatz waren, wurde uns bewusst, wie spät es war. Widerwillig trennten wir uns letzten Endes voneinander und ich war hin und weg von der Erfahrung, die ich eben gemacht hatte. Nie zuvor habe ich jemals jemanden so lange einfach nur geküsst, ohne dabei irgendwann genug gehabt zu haben. (Ich bin eigentlich nicht der Kuss-, sondern eher der Umarmungs-bedürftige Mensch).

Weitere Dates folgten nun sehr schnell und bald lud ich ihn ein, bei mir zum Essen vorbei zu kommen (denn langsam fühlte ich mich schlecht, immer wieder teure Essen in Restaurants bezahlt zu kriegen (ganz der Gentleman wollte er auf keinen Fall, dass ich bezahle…). Es war das erste Mal seit längerem, dass ich wieder Freude daran hatte, zu kochen, wieder geniessen konnte, in die Küche zu stehen, mich mit Rezepten auseinander zu setzen und mich der Planung und Umsetzung hin zu geben. Es bereitete mir riesige Freude, von ihm jeweils Lob zu kriegen und zu spüren, dass er wirklich dankbar war 🙂

Unsere Treffen wurden beinahe täglich und ich genoss es, hausmütterlich für ihn zu kochen, ihm den Abend schön zu gestalten und an den Morgen, wo er frei hatte, mit ihm ausgiebig zu frühstücken und Spaziergänge zu machen.

Einen Dämpfer gab es jedoch bald… Ich musste meine Medikamente umstellen und dafür das eine Medikament komplett absetzen, damit ein anderes dann 2 Wochen später angefangen werden konnte, denn leider war die Wirkung von meinem bisherigen Medikament nicht ausreichend. Es standen also 4 Wochen vor der Tür, in denen ich wusste, dass es mir richtig schlecht gehen würde (denn meine Stimmungsaufheller mussten ja langsam ausgeschlichen werden). Ich hatte also die unschöne Aufgabe, dies auch Sven zu vermitteln, der sich aber zum Glück anfangs sehr ruhig und Gelassen zeigte. Eine Woche nachdem ich die Stimmungsaufheller anfing auszuschleichen merkte ich bereits, wie ich immer dünnhäutiger wurde, grosse Schwierigkeiten hatte, allein zu sein, alles persönlich nahm, ein sehr massives schwarz-weiss-Denken hatte, jeden in meinem Umfeld eher als Feind als als Freund sah (nicht weil ich die Menschen nicht mochte aber weil ich überzeugt war, dass sie mich nicht mochten, dass ich nicht liebenswert war…). Dies waren sehr schwierige Umstände für eine frisch gebackene Beziehung.

Es folgte unweigerlich die Zeit, in der er sich immer mehr zurück zog. Ich hörte tagsüber nichts mehr von ihm, er kam oft mehrere Abende nicht mehr vorbei, und bald sahen wir uns statt täglich nur noch wöchentlich. Ich wurde von Zweifeln übermannt: hatte er eine Andere? Habe ich etwas falsch gemacht? Bilde ich mir nur ein, dass er sich zurück zieht? Oder noch schlimmer: bildete ich mir nur ein, dass er mich toll fand und eigentlich war ich nur solange ok, wie er nichts besseres zu tun hatte? Mein Sinn und meine Lebensaufgabe, in der ich so aufblühte (Hausfrau für ihn zu sein und ihn zu verwöhnen)  war weg und ich war völlig überfordert mit der vielen Zeit, die ich hatte für mich selbst. Auch wenn ich weiterhin fast täglich ins Fitnesscenter ging, meinen Tanzkurs besuchte, Freunde traf… Es war immer so gewesen, dass das alles Platz fand neben der Zeit, die ich mit Sven verbrachte, denn ihn sah ich immer erst ab dem späten Abend und oft einfach bis zum Mittag vom nächsten Tag, also genau dann, wenn nichts anderes läuft im Leben einer Arbeitslosen… In dieser Situation merkte ich, was in unserer Beziehung gefehlt hat oder immer noch fehlte: die Unterhaltung über seine Gefühle und seine Gedanken. Wohl zeigte er mir körperlich, dass ich ihm wichtig war, aber er war kein Mann der grossen Worte. Vieles behielt er für sich, frass es in sich hinein. Zudem war er mit meinen Stimmungsschwankungen und meiner sehr tiefen Depression sichtlich überfordert, was ich ihm nicht verdenken kann. Die Distanz nahm immer mehr Überhand und letzten Endes führte es zum Kontaktabbruch.

In meinem Tief hatte ich keine Möglichkeit, gegen das eingeschliffene Muster anzukämpfen, das darauf folgte: ich reaktivierte Datingplattformen, chattete mit anderen Männern, eigentlich nur, um die Leere zu füllen, die zum Schluss auch Sven nicht mehr füllen konnte, da ich einfach in einem zu tiefen Loch war, in dem ich mich zu allem hin auch noch ausgiebig suhlte und eigentlich von der ganzen Welt Verständnis forderte.

Ich denke gerne zurück an die Zeit mit ihm, denn sie war echt romantisch und süss… Aber es sollte wohl nicht sein. Zum einen mein Tief, zum anderen scheint etwas gefehlt zu haben: vermutlich die Offenheit von seiner Seite, mich an seiner Gefühlswelt teil haben zu lassen und mich nicht auszugrenzen in dem Moment, wo ich so am Ende war.

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