Traum

Traum

Ich habe früher sehr oft geträumt. Dabei konnte ich mich stets im Nachhinein an alles erinnern (oder zumindest an das meiste) und den ganzen Traum wie einen Film noch einmal abspielen. Auch Wochen später ging das noch immer. Seit ich aber vor ein paar Jahren nun angefangen habe, Medikamente zu nehmen und entsprechend wenig schlafe, geht das nicht mehr so gut mit dem Träumen. Wenn überhaupt, dann träume ich wohl so flüchtig, dass ich es nicht mehr weiss am nächsten Morgen, oder, meine eigentliche These: ich träume nicht, weil ich schlicht zu wenig Schlaf kriege pro Nacht, um überhaupt noch „Ressourcen“ zu haben zum Träumen. ^^

Letzte Woche allerdings hatte ich einen richtig heftigen Traum. Er war nicht heftig, weil er lange dauerte oder weil er brutal war. Sondern weil es meine tiefste Wunde tangierte: mein Verhältnis zu meiner Mutter.

Ich träumte zu erst davon, dass sie mich anrief. Ich blickte auf mein Handy und dieses musste ganz schön futuristisch gewesen sein, denn ich sah kein Standbild, sondern ein Live-Bild, wie sie gerade aussah: eingefallene Wangen, tiefliegende Augen, schwarze Augenringe, ihr eigentlich voluminöses, braun gefärbtes Haar hing in fettigen Strähnen vom Kopf… Sie war beinahe ein Abbild von Gollum aus Herr der Ringe. Ich weiss, dass ich erschrak ab ihrem Aussehen. Ich hatte tiefes Mitleid und hätte ihr gerne geholfen. Ich erinnere mich, dass ich beinahe weinen musste, als ich sie so sah. Trotz allen Mitleides für sie, entschied mein Traum-Ich, das Telefon nicht anzunehmen, worauf hin ich mich fragte, warum sie es nicht getan hatte. Ich fühlte mich herzlos, und da fing die Szenarie sich an zu wandeln.

Ich träumte, dass ich in meinem Bett lag. In der Wohnung lief aber irgendwo Wasser und es brannte Licht, überall. Verwirrt stand ich auf, und als ich aus meinem Schlafzimmer kam, sah ich, wie Wasser in die Badewanne einlief und Kleider am Boden lagen. Meine Kleider. Ich lief ins Wohnzimmer und da erschrak ich richtig: da war meine Mutter mit ihrer Freundin beschäftigt, meine Möbel um zu stellen, Kleider auf zu hängen und zu putzen.

Meine Mutter und diese Frau hatten schon lange eine Beziehung und ich wohnte fast 10 Jahre mit ihnen gemeinsam im Haus wo ich aufwuchs. Die Zeit war für mich sehr ambivalent, denn einerseits war es mein Zuhause und ich kannte nichts anderes, hatte Angst vor Veränderung… aber andererseits war es für mich die Hölle, da zu leben. Ich fühlte mich nirgens wirklich so, als dürfte ich ICH sein. Ich musste stets eine Rolle erfüllen: perfekte Zuhörerin für meine Mutter, die ihr Zuspruch gibt, ihr hilft, sie wieder aufbaut und ihr das Gefühl gibt, toll zu sein und zudem selbst keine Probleme hat, mit beiden Beinen im Leben steht und sie sich also nicht schämen muss dafür, meine Hilfe anzunehmen; angepasste und perfekte WG-Mitbewohnerin für die Freundin meiner Mutter, die im Haushalt hilft, die auch ihr zuhört und Anteil nimmt und so; und perfekte Schwester, die da ist für meinen Bruder, die Verständnis hat, hilft und auch seine Fehler weitestgehend deckte oder hinter ihm her putzte wenn er mal wieder eine Party hatte, damit meine Mutter nichts davon merkte. Platz für mich hatte ich eigentlich nicht. Überall traten Erwartungen an mich heran und für mich fehlte eine Person, die MIR Zuspruch gab, mich lobte, an mich glaubte und mir zuhörte.
Als ich endlich ausziehen durfte genoss ich nichts mehr, als endlich all diese Verpflichtungen los zu sein. Ich durfte endlich mein eigenes kleines Reich aufbauen. Mein persönliches kleines Schloss, in dem keiner ausser mir regiert, in dem ich tun konnte was ich wollte und das ohne jemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Das ist auch der Grund, warum meine Mutter meinen Schlüssel hat zu meiner Wohnung: ich möchte sie hier nicht haben. Es ist MEINS, und ich möchte hier bestimmen dürfen, wie ich lebe und nicht bestimmen lassen, wie ich zu leben habe.

Und nun stand da in meinem Traum also meine Mutter in meiner Wohnung und rückte alles so um, dass es IHR passte. Ich war schockiert und wachte auf. Und da hatte ich auch meine Antwort darauf, warum ich das Telefon nicht entgegen genommen hatte: ich konnte nicht. Ich brauchte Abstand, denn es ging schon wieder nur um sie. Es ging schon wieder darum, dass sie sich ihren Raum in meinem Reich nehmen wollte und mich aus meinem ICH verdrängen wollte. So sehr ich Mitleid habe mit ihr und ihrer Situation.

Ein paar Tage darauf erhielt ich tatsächlich eine Nachricht von ihr, mit der Anfrage auf ein gemeinsames Kaffeetrinken. Es war für mich nun beinahe prohetisch, was ich geträumt hatte. Und ich wusste auch, dass ich mich wirklich nicht treffen konnte mit ihr. Nur langsam merkte ich auch, dass ich einfach keine Wahl hatte: ich musste meiner Mutter endlich erklären, warum ich sie nicht treffen konnte, denn sonst würde dies nie besser werden. Hin- und Her gerissen, wie ich denn reagieren sollte, wie ich formulieren sollte, was da abging und warum ich tat was ich tat, vergingen fast zwei Tage und vor allen Dingen nochmals zwei Nächte, bevor ich wusste, was ich schreiben sollte. Erst nach dem ich in der zweiten Nacht noch einmal einen Traum hatte, sah ich klar. Denn da ging es darum, dass zwei Parteien sich gegenseitig bis auf s Blut bekriegten. Beide Parteien mochten mich und dennoch führten sie Krieg gegen einander. Jede Partei versuchte, so viele Anhänger wie möglich zu finden um den anderen taktisch fertig zu machen. Und für mich war klar: ich wollte dafür sorgen, dass die Parteien aufhörten, sich anzufeinden und zu zerstören. Das Blutbad musste ein Ende haben. Die Parteien mussten von ihren Positionen zurück treten. Von diesem Traum aufgewacht, wusste ich, dass ich meiner Mutter schreiben musste was los war, aber auf eine Art, die nicht verletzend war, die nicht anschuldigte und die ihr im Gegenteil, das Gefühl gab von Freundschaft, einer helfenden Hand, die es gut meinte und die wirklich irgendwie wieder versuchen wollte, eine gemeinsame Zukunft zu finden – ohne dass es vorher zu eben dieser Eskalation kommen würde von der ich träumte.

Es kostete mich unglaublich viel Überwindung und noch mehr Ressourcen, ihr das alles so zu schreiben. Ich las die Nachricht X Mal, wog ab, strich, schrieb um, formulierte neu… und drückte auf Senden. Angst befiel mich, vielleicht doch das Falsche getan zu haben. Leere überkam mich, weil ich all meine Ressourcen in diese Nachricht gesteckt hatte und so sass ich lange einfach da, sah Fern, lenkte mich ab und hoffte, das Richtige getan zu haben.

Bisher bleibt eine Antwort aus. Ich halte mich an der Hoffnung, dass sie mich ernst nimmt, dass sie aus Wohlwollen nicht antwortet und nicht darum, weil sie ihren ersten Angriff plant… Ich bin froh, meine Träume wieder zu haben, aber angespannt, weil ich hoffe, dass ich dieses Kreuzfeuer nicht erleben muss.

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