und erstens kommt es anders…

und erstens kommt es anders…

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Zu Hause angekommen nach diesem echt schrecklichen Abend, beschloss ich, mich mit einer Tasse Tee aufs Sofa zu setzen, dem Regen zu zu hören, wie er an meine Fensterscheiben prasselte, und irgend eine TV Show zu finden, die mich auf andere Gedanken bringt. Der Griff zum Handy und meinen zahlreichen Datingplattformen war allerdings echt nicht weit, irgendwie bereits so verinnerlicht, dass ich gar nicht recht bemerkte, dass ich da schon wieder mit anderen Männern chattete. Nicht nur Etienne und Peter, die schon lange zum Standard gehörten, sondern auch mit mir fast gänzlich Unbekannten.

Da war ein Biologieabgänger, mit dem ich wunderbare und echt lustige Gespräche führen konnte und es machte Spass, mich so auf andere Gedanken zu bringen. Sicherlich schäkerten wir herum, aber primär war es einfach unterhaltsam. Da waren einige Männer, denen ich heute, in meiner echt miesen Laune, endlich traute zu sagen, dass ich kein Interesse an ihnen hatte, und so war ich bis zum Schlafen gehen beschäftigt. Mit dem Biologen, Manuel, habe ich mich verabredet, ihn in ein paar Tagen zu treffen und war gespannt, wie das ablaufen würde. Von Etienne hörte ich nichts, denn so spät abends war dieser längst schlafen.

Einschlafen nach solch einschneidenden Erlebnissen wie an diesem Abend, fällt mir sehr schwer. Ich fühlte mich, als hätte ich keinen Boden unter den Füssen, und trotz den Medikamenten, die ich nun endlich nehmen durfte, fühlte ich mich immer noch sehr verwundbar, labil und die Deprimiertheit war definitiv noch nicht überstanden. Zudem führen die Medikamente zu einer sehr starken Gleichgewichtsstörung am Anfang und dazu, dass man mehr Energie hat – die erst mal in einem gehörigen Schlafmangel endet. Ich hatte schlicht sehr wenig Ressourcen, für mich zu sorgen, mich wahr zu nehmen und für mich einzustehen. So war das Gedankenkreisen, das anfing, sobald der Fernseher aus, das Handy am Ladegerät und ich im Bett war, vorprogrammiert.

Nach sagenhaften 4 Stunden Schlaf (ich benötigte vor dem Medikament etwa 8 Stunden…) wachte ich wieder auf und war in der Zwickmühle, dass ich nun zu müde war, aufzustehen und zu wach um einzuschlafen. Katzen streicheln war zwar schön aber es liess meine Gedanken weiter kreisen und wieder an Dingen herum denken, die weder Zielführend noch aufbauend waren.

Freundinnen wurden angeschrieben und mit Leuten gechattet, TV lief im Hintergrund damit ich mir nicht so einsam vorkam… Wasser, Tablette, Kopfschmerzmittel, Frühstück… Langeweile. Und die Überlegung, Etienne eben doch wieder anzuschreiben und mit ihm mal ein Treffen zu vereinbaren, auch wenn ich eigentlich nicht glaubte, dass dies zu etwas führen würde. Ich beschloss, die heute anstehende Therapie abzuwarten und es galt also, weiter Langeweile auszuhalten, und nach Beschäftigung zu suchen. Allerdings war ich mal wieder so lethargisch, dass ich es nicht einmal schaffte, die Wohnung zu putzen, auch wenn ich mir das eigentlich einmal vorgenommen hatte.

Abends dann endlich der Entschluss, allen Umständen zum Trotz, Etienne zu fragen nach einem Treffen, als Freunde, völlig spontan und unverbindlich und so… Herzklopfen und Freude und ein nicht mehr abschraubbares Grinsen im Gesicht, als er zusagte und wir Ort und Zeit festgelegt hatten. Mir war allerdings schnell klar, dieses „Date“ würde anders werden. Nicht nur, dass er schlicht nicht aus der Schicht von Menschen kam, die ich normal datete, die es vermochte, mich zum Essen auszuführen und schicke Dates im Pub um die Ecke mit Billard zu verbringen, auch war das Treffen nicht darauf aus, dass wir uns nahe kommen würden, oder beschnupperten im Sinne, wie man das normal bei einem Date tat. Ich war sehr gespannt, auf was für einen Menschen ich da stossen würde. War er wirklich so, wie er schien in unserem Chatverlauf? Was für eine Ausstrahlung hatte er? Konnte ich wirklich einen guten Freund haben auf die Distanz? Solche Distanzen nahm ich sonst eigentlich nur für Beziehungen auf mich…

Zumindest ein Stein fiel mir vom Herzen, als wir, noch auf dem Parkplatz, im Auto an einander vorbei fuhren und uns erkannten. Somit blieb mir das Debakel vom Date letzten Sonntag erspart ^^ Wir trafen uns an einem See, da ich ein absoluter Fan von Wasser bin. So konnte er zudem seinen Hund mitnehmen und ich konnte diesen auch gleich kennen lernen. Ich war kein Hundemensch, dafür mochte ich die Natur viel zu wenig – aber ich konnte eigentlich nicht allzu schlecht mit Hunden umgehen. Beim Aufeinandertreffen mit seinem Hund allerdings, musste ich mich belehren lassen, dass ich so ungefähr alles falsch gemacht hatte, was man falsch machen konnte. So soll man wohl einen Hund zu sich kommen lassen und nicht auf den Hund zu stapfen, soll ihm die Hand nicht auf den Kopf tätscheln, da dies angsteinflössend oder zumindest unangenehm sein konnte für den Hund, sollte ihm nicht die Hand geben zum Beschnuppern, da der Hund eine so gute Nase hatte, dass er mich eh schon auf alle Entfernung roch … Ich war beschämt, wollte am liebsten gleich umdrehen und wieder zurück in mein Auto.

Sicherlich, sein Hund war ein Spezialfall in sofern, als dass es ein Kampfhund war, der als Problemhund galt, bis sich Etienne ihm angenommen hatte. 2 Jahre Training später war der Hund soweit resozialisiert, dass er niemanden mehr attackierte, seinen Jagdtrieb unter Kontrolle hatte und auf Befehle absolut horchte. Eine beachtliche Leistung, und kein Wunder, dass es da einige etwas speziellere Regeln gab. Dennoch, mir war es so dermassen unangenehm, gleich von Anfang an alles falsch gemacht, und einen schlechten Eindruck hinterlassen zu haben.

Gute Mine zum bösen Spiel: ich setzte ein Lächeln auf, hoffte, dass er mir nicht anmerkte, wie schrecklich das gerade war für mich und versuchte, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. So spazierten wir also am See entlang, setzten uns auf eine Bank, sprachen über Gott und die Welt und es fühlte sich den ganzen Abend über an, als wären wir uns schon ewig bekannt. Er erzählte mir viel von seiner bewegten Vergangenheit, was mich tief berührte, aber in mir auch den Impuls hervor brachte, ihn in den Arm zu nehmen, einfach weil er auf mich so wirkte, als wäre er sein ganzes Leben allein gewesen und ich  ihm zeigen wollte, dass er es jetzt nicht war. Ich riss mich zusammen, beherrschte mich und wechselte das Thema, damit wir nicht nochmals in die Situation kommen würden. So kam es dann auch, dass er mir zeigte, wie man mit seinem Hund umging (und nochmals Dinge erzählte, die „man“ falsch mache, und er lustig fand, ich allerdings weniger, weil ich diese Dinge genau so falsch machte…) und mich dazu anleitete, einige Tricks mit seinem Hund selbst zu machen. Ich hatte solche Angst in dem Moment, mich schon wieder zu blamieren, etwas falsch zu machen und womöglich sogar ausgelacht zu werden…Mein Selbstwert war noch nicht wirklich grösser als am Abend zuvor und ich fühlte mich äusserst exponiert und unwohl. Dennoch, irgendwie schaffte ich es, die Tricks durchzuführen und war beruhigt als keine Rüge seinerseits kam und ich auch nicht ausgelacht wurde.

Es wurde spät, denn obschon ich, sobald es um den Umgang mit Hunden ging, mich sehr unwohl und unsicher fühlte, war es mir grundsätzlich unglaublich wohl in seiner Gegenwart. Es war so unglaublich leicht mit ihm zu sprechen, es fühlte sich alles so stimmig an und für einmal war es mir, als könnte ich vielleicht tatsächlich wieder glücklich sein, irgendwann… Es wurde spät, und kalt, und somit mussten wir unser Date irgendwann abbrechen, denn ich war einfach nicht richtig gekleidet dafür, so lange in der Kälte zu sein… da war der Beweis, dass ich mir solche Dates einfach nicht gewohnt war, ich normal echt der Stubenhocker war und irgendwie völlig unterschätzte, wie kalt es abends noch war. (Dieser Mai war ja wirklich total kalt und beinahe eisig..)

Unsicher, weil ich nicht wusste, was er nun von mir hielt, aber selber total erfreut über diese Begegnung, fuhr ich nachhause. Ich glaube, ich konnte sogar sehr schnell einschlafen – ein guter Abschluss des Tages, der durch seine Nachricht, dass er mich zum Schluss am liebsten in den Arm genommen hätte um mir warm zu geben, irgendwie noch perfekt wurde. Interessant wie das Leben so spielt… Gerade wenn man es nicht erwartet… kommt es anders…

Meine Achterbahnfahrt hatte wohl mal wieder einen Höhepunkt erlebt.

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