Verrücktes Ding wird zur Klette

Verrücktes Ding wird zur Klette

Eines, was man mir glaube ich verbieten sollte, ist es, die Chatverläufe von früher zu lesen… Aber es war so verlockend… altes Handy, viel Langeweile und viele alte Chatverläufe, die man dann lesen kann, weil man ja sonst nichts zu tun hat. Und nur, weil ich Zeit habe, heisst das leider nicht, dass ich auf Befehl mal eben schlafen kann, auch wenn es hier durchaus sehr gemütlich wäre, man echt super schlafen KÖNNTE aber… eben nur in Theorie. Ich bin erst gerade 6 Stunden wach und für mehr als einen kleinen Powernap von 2 Stunden hat es einfach nicht reichen wollen. Somit kam ich dann auf die Idee, Chatverläufe von früher zu lesen. Diese reichen bis hin zur Hälfte meiner Telenovela und von aussen betrachtet, ist es durchaus interessant, dass sich immer wieder ein ähnliches Muster abzeichnet bei Beziehungen, die nicht nur einen Tag oder eine Woche dauern:

Anfangs bin ich humorvoll, einfühlsam und eigentlich echt offen, verständnisvoll und lustiger weise haben die Gesprächspartner dann auch viel Zeit für mich, oder sie nehmen sie sich einfach… Es ist ja auch kein Geheimnis, dass am Anfang in der Kennenlernphase gerne mal auf Schlaf verzichtet wird, um die Zeit mit dem zu kennenlernenden Gegenüber zu verbringen statt dessen, und dass sich das irgendwann rächt, das liegt eigentlich auf der Hand… Der Fokus der Gespräche ist in der Zeit auf dem Positiven, den lustigen Sachen, die einem widerfahren und den kreativen und konstruktiven Momenten. (Sicherlich, mit Problemen trumpft man ja auch nicht beim ersten Date auf^^)

Doch je länger der Gesprächsverlauf dauert, desto mehr scheine ich von mir Preis zu geben und entsprechend ernster werden die Gespräche – weniger Humor, weniger Belanglosigkeiten. Und allgemein weniger Nachrichten, weniger ausführliche Nachrichten und das scheine ich zu interpretieren, als hätte man kein Interesse mehr an mir. Was mich dazu bringt, mehr zu wollen, mehr Treffen, mehr Nachrichten, mehr Nähe, mehr Intimität… kurzum; ich werde zum Klammeraffen. Plötzlich ist es dann auch so, dass ich gewisse Dinge einfordere, die ich vorher nicht eingefordert hätte (allerdings muss man dazu auch sagen, dass ich immer nur einforderte, was ich am Anfang erhalten hatte in der Beziehung. Eine Person hat mir viel von sich berichtet und plötzlich nicht mehr? Dann fordere ich das ein. Eine Person hat anfangs viel Zeit gehabt und dann nicht mehr? Dann fordere ich das ein… also nie etwas, was mir die Person noch nie gab.) Dennoch, einfordern ist destruktiv. Und es führt klar zum Gegenteil. Je mehr ich um Zeit bat, desto weniger habe ich erhalten. Je mehr ich um Aufmerksamkeit bat, desto weniger wurde ich beachtet, Je mehr ich nach Unterhaltungen fragte, umso kürzer wurden sie. Zudem, weil ich die ja dann quasi einforderte, führte das auch dazu, dass ich nicht mehr wirklich in vollen Zügen geniessen konnte, weil ich ja dauernd Angst hatte, dass das dann wieder weggehen würde und ich wieder allein wäre… Echt sehr frustrierend das zu sehen.

Nun renne ich ja eigentlich wieder ins selbe Desaster hinein: ein Mann, der zugegeben wirklich ausserordentlich wenig Zeit hat und das Bisschen, das er hat, auch noch aufteilen muss zwischen mir und seinem Sohn, seinen Hobbies und seinen Hunden. Es ist also keine Einbildung, dieses Mal, dass ich etwas auf der Strecke bleibe. (Ein bisschen beruhigend finde ich das ja, nach all den Erkenntnissen von Oben). Dennoch: Unterhaltungen werden seltener (vor allem aber darum, weil er gerade echt sehr viel mehr arbeiten muss; das Los derer, die keine Sommerferien haben, dass sie kompensieren müssen, was die anderen sonst täten) kurz angebundener (da er schlicht zu müde ist) und Treffen werden so rar, dass ich langsam glaube, dass ich selbst meine Fernbeziehung in Hamburg öfter gesehen hatte damals. Aber es ist bei ihm ja wirklich bloss eine Phase, in der es diese Dimension einnimmt. Leider ist es auch mein letzter kurzer Abschnitt, in dem ich viel Zeit hätte, denn bald fange ich ein Studium an, dann ist es mir vermutlich nicht mehr möglich, von meiner Seite aus so viel Zeit zu investieren, dass ich überhaupt die Reisen auf mich nehmen kann und somit werden die Treffen schon wieder sehr selten sein, dann aber selbst verschuldet.. Das macht mir Angst, denn dann wird der Kampf um gemeinsame Zeit vermutlich enorm.

Und eben diese Angst führt dazu, dass ich erst recht anfange zu klammern zurzeit, hoffe, dass er irgendwie Zeit finden würde, wenn ich nur beharrlich genug fragte… Und so habe ich das Gefühl, dass unsere Unterhaltungen absolut nicht mehr konstruktiv sind. Wir drehen uns im Kreis, das Problem wird nicht weniger, löst sich nicht eher, nur weil ich nerve, hetze, ihn belaste. Der Anfang unserer Unterhaltungen war auf dem Handy auch zu finden und es hat irgendwie Spass gemacht zu lesen, wie blöd wir rumgealbert hatten. Es war, als hätte ich den Gesprächsverlauf zweier völlig fremder Personen gelesen. So viel Konstruktives, so viel Freude und so viel Vergebung, Verständnis, Fürsorge…

Diese Erkenntnis hat mich hart getroffen. Lange lag ich hier auf meinem Sitz, konnte nicht schlafen und wusste eigentlich grundsätzlich nicht, was da eigentlich gerade in mir abging. Es hier und jetzt nieder zu schreiben hilft mir, zu verstehen, warum mich das so beschäftigt und so mitnimmt.

Daraus wächst der Wunsch, den Spiess um zu drehen. Er hat keine Zeit? Na gut, ich kann ihn ja imaginär an meinen Erlebnissen Teil haben lassen, in dem ich auf meiner Reise Fotos mache, indem ich ihm zeige, wo ich gerade gerne wäre mit ihm und wir so eine Art Phantasiereise machen können in die Zukunft, wenn ich vielleicht tatsächlich mal eine Reise mit ihm unternehmen kann. Zuhause hoffe ich, dass es mir weiter gelingt, positive, konstruktive Wege zu finden, damit umzugehen, dass er zurzeit nicht da sein kann für mich. Die Angst, dass das allerdings umschwenkt in eine Richtung wo ich das Gefühl kriege, selbst enorm viel zu geben aber nichts zu erhalten, ist nicht von der Hand zu weisen. Genauso wie der Respekt davor, dass ich ihm so auch wieder zu Nahe trete, ihn belaste oder nerve… Oder dass ich mal wieder Borderline Typisch überreagiere und voll viel Zeit in etwas stecke, mich darauf abstütze und selbst wieder verliere.

Ich hoffe, dass ich Wege finde, diesen Drahtseilakt zu bewältigen, bis sich die Situation hoffentlich irgendwann lösst. Bis er mehr Zeit hat, ich weniger Langeweile, wir zu mehr Treffen kommen können ect. Ich hoffe, der Zustand dauert nicht allzu lange, denn es fällt mir echt schwer, damit um zu gehen.

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