Vorurteile

Vorurteile

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Es ist nicht so, dass ich grundsätzlich ein Mensch bin, der andere in eine Schublade stopft und da verharren lässt, allerdings gibt es tatsächlich Menschen, die sich zuviel geleistet haben, als dass sie bei mir noch in einem guten Licht da stehen. So zum Beispiel der Freund meiner besten Freundin. Da waren über die Jahre so viele Momente, wo er sie verletzte, in denen die beiden an einander geraten sind und ich eigentlich wirklich kein gutes Bild mehr von ihm hatte, da er schlicht meine Freundin zu oft verletzte. Dass wir uns echt unsympathisch sind war uns wohl irgendwann beiden klar und ich war froh, als aus der Begrüssungsumarmung ein Handschlag wurde, der deutlich weniger Nähe suggeriert. Mit vielen Vorbehalten habe ich dennoch immer versucht, mich für meine Freundin zu freuen, wenn sie es denn wieder gut hatte mit ihm und versucht, ehrlich, aber wohlwollend zu sein ihr gegenüber. Insgeheim habe ich ihr aber immer einen Freund gewünscht, der sie besser behandelt, mehr auf sie eingeht und weniger verletzend ist.

Heute war nun einer dieser Tage, an denen ich irgendwie merkte, dass ich ihn wohl doch in eine Schublade abgestempelt hatte, in die er zumindest nicht immer zu passen scheint. Da war ich bei ihr, um einen Krankenbesuch abzustatten, denn irgendwie muss sie es geschafft haben, sich mitten im Sommer voll erkältet zu haben. Tee trinken, tratschen, klatschen und irgendwann, ganz wie in alten Zeiten, machten wir uns mal wieder an Mädels-Kram wie Frisuren und Makeup. Ich versuchte, ihr eine hübsche Frisur zu zaubern, von der sie deutlich begeisterter war als ich, (denn es ist irgendwie schwieriger, die Haare einer fremden Person zu frisieren als die eigenen – wieder so ein Vorurteil das ich heute überwand: an alle Friseurinnen und Friseure: es tut mir leid, dass ich eure Fähigkeit, tolle Frisuren zu zaubern sehr stark degradierte und bagatellisierte) und dann kam etwas, was ich selbst noch nie gemacht hatte: Lippen einer anderen Frau schminken, oben drein mit einer Farbe, die sehr knallig war (und auch an alle Visagistinnen und Visagisten: ich bewundere die Fähigkeit, fremde Gesichter, deren Züge man nicht kennt, so professionell zu schminken). Schockiert blickte sie sich im Spiegel an, und meinte, dass ihr die Farbe echt nicht gefalle. Zugegeben, es war eine gewagte Farbe, knallig und auffällig, und da sie schmale Lippen hat und ich sie etwas grösser schminkte, wirkten sie umso stärker… aber die Farbe passte zu ihrem Aussehen und ihrer Hautfarbe, meiner Meinung nach. Ich hinterfragte nach ihrer schockierten Reaktion aber sofort meinen Geschmack und dachte, dass ich vielleicht echt langsam drüber bin, den Sinn für Farben verloren habe oder so.

Bis dann plötzlich ihr Freund um die Ecke schaute und total ausflippte sowohl ab Frisur als aber vor allem auch ab der Farbe des Lippenstifts seiner Freundin. Den Rest des Nachmittages verbrachten er und ich dann damit, sie davon zu überzeugen, dass, so ungewohnt die Farbe für sie wohl war, es wirklich gut aussah. Dies, indem wir ein Fotoshooting mit ihr veranstalteten, sie noch in ein hübsches Kleid steckten und hofften, dass sie am Abend dann auch so zu ihren Eltern gehen würde. Wir hatten also ein gemeinsames Ziel und haben uns richtig gegen sie verschworen und so unglaublich viel gelacht. Es tat so gut, zu merken, dass es eben auch die andere Seite ihres Freundes gibt: die, die einen guten Geschmack beweist aber vor allen Dingen total auf seine Freundin fixiert ist, ihr mit enormer Hingabe sagen kann, dass sie toll ist und toll aussieht und er einfach nur Augen für sie hat und das auch nach langjähriger Beziehung.

Ich bin also wohl nicht gefeit vor Vorurteilen, und ich bin auch nicht sicher, ob ich nun eins auf zwei von allen Vorurteilen ihm gegenüber ablassen kann, aber ich bin dankbar über diesen Nachmittag und die tollen Erlebnisse, das viele Gelächter und auch die absolut einfache aber so effiziente Ablenkung. 🙂

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